Ursula Pöck

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Ursula Pöck, auch Ursula von Lienz (* um 1439; † 1442 oder 1443, in Lienz, damals Grafschaft Görz) war ein Mädchen aus Lienz, die angeblich von Juden ermordet wurde. Ihre Geschichte wird als eine der Ritualmordlegenden des Mittelalters eingestuft. Da ihre Geschichte außerhalb von Lienz kaum bekannt wurde, gibt es inzwischen auch Überlegungen, dass sie eine fiktive Figur sein könnte.

Herkunft

Nach der Überlieferung war Ursula Pöck die Tochter von Thomas Pöck, einem Bürger der Stadt Lienz.[1]

Die Ritualmordlegende um Ursula von Lienz

Ursula Pöck wurde nach der Überlieferung am Karfreitag des Jahres 1442 oder 1443 von den Lienzer Juden ermordet. Nach einem Verfahren wurden einige Juden und Jüdinnen sowie eine Christin, die ihnen bei diesem Mord geholfen haben soll, hingerichtet.[2] Ursulas Vater soll 1452 für ihr Grab, das sich an der nördlichen Außenseite der Pfarrkirche St. Andrä in Lienz befand, einen Epitaph gestiftet haben.[3] 1904 wurden Ursulas Gebeine in einen hölzernen Schrein umgebettet, der nach der Renovierung der Pfarrkirche im Jahr 1968 gemeinsam mit der Gedenktafel dem Museum der Stadt Lienz übergeben wurde.[4]

Folgen

Die Ritualmordlegende, die sich um Ursula Pöck gebildet hat, dürfte die älteste von den drei Ritualmordlegenden mit einem Tatort im ehemaligen Kronland Tirol sein[A 1] sein.[5]. Es spricht einiges dafür, dass der Fall der Ursula Pöck die Vertreibung oder Ausweisung der bisher in Lienz ansässigen Jüdinnen und Juden zur Folge hatte.[6] Ein "Ursula-Kult" lässt sich nur ansatzweise nachweisen und dürfte sich auf die Stadt Lienz beschränkt haben.[3]

Faktenlage

Der Ritualmord an Ursula Pöck ist durch keine zeitgenössische Quelle belegt. Aussagen von 21 Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, die überliefert sind, finden sich in einem Protokoll vom 18. September 1475, das in Latein abgefasst wurde. Der Auslöser für diese Befragung dürfte eine Anfrage aus Trient gewesen sein, wo zu dieser Zeit der Prozess um den angeblichen Ritualmord an Simon von Trient verhandelt wurde.[1] Erst seit dem 17. Jahrhundert wird der Mord an Ursula Pöck in einigen gedruckten und handschriftlichen Werken zur Geschichte Tirols als bemerkenswerte und umstößliche Tatsache hingestellt.[7]

Im 18. Jahrhundert wurde eine Untersuchung der Geschehnisse um Ursula Pöck im Auftrag des Damenstiftes in Hall durchgeführt, das zu dieser Zeit Inhaber der Herrschaft Lienz war. Dies geschah vermutlich mit der Absicht, eine Selig- oder Heiligsprechung als Märtyrerin für Ursula zu beantragen.[8] Aus diesem Anlass wurde am 8. Juni 1789 ihr Grab geöffnet, worüber sich ein Protokoll erhalten hat.[9]

Literatur

  • Marco Abate etc. (Hrsg.): Circa 1500. Leonhard und Paola – Ein ungleiches Paar. De ludo globi – Vom Spiel der Welt. An der Grenze des Reiches. Landesausstellung 2000 – mostra storica in Lienz, Schloß Bruck, in Brixen, Hofburg Brixen und in Besenello, Castel Beseno, Besenello. Skira, Mailand, 2000, S. 403 digital (Hinweis)
  • Meinrad Pizzinini: Ursula Pöck. Eine mittelalterliche Ritualmordlegende aus Lienz. In: Zeitschrift des Ferdinandeums für Tirol und Vorarlberg 70, 1990, S. 221-236 digital

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 vgl. Meinrad Pizzinini: Ursula Pöck, 1990, S. 220
  2. vgl. Meinrad Pizzinini: Ursula Pöck, 1990, S. 222f.
  3. 3,0 3,1 vgl. Meinrad Pizzinini: Ursula Pöck, 1990, S. 228
  4. vgl. Meinrad Pizzinini: Ursula Pöck, 1990, S. 231 und S. 232
  5. vgl. Meinrad Pizzinini: Ursula Pöck, 1990, S. 219
  6. vgl. Meinrad Pizzinini: Ursula Pöck, 1990, S. 222
  7. vgl. Meinrad Pizzinini: Ursula Pöck, 1990, S. 224
  8. vgl. Meinrad Pizzinini: Ursula Pöck, 1990, S. 219f. und S. 228f.
  9. vgl. Meinrad Pizzinini: Ursula Pöck, 1990, S. 230

Anmerkungen

  1. Die beiden anderen Ritualmordlegenden sind (Simon von Trient und Anderl von Rinn).