Aufenthalt von Kaiser Karl in Westungarn im März 1921

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Kaiser Karl I. von Österreich, König Karl IV. von Ungarn (1917)

Kaiser Karl I. reiste im März 1921 während seines ersten Restaurationsversuches zur Wiedererlangung seiner Königswürde in Ungarn (als Karl IV.) weitgehend unbemerkt durch das Südburgenland, um über Szombathely nach Budapest zu gelangen.

Historischer Hintergrund

Die Verzichtserklärung vom 11. November 1918, von Ministerpräsident Lammasch gegengezeichnet
Die beiden Reichshälften der Habsburgermonarchie.

Kaiser Karl I. unterschrieb am 11. November 1918 auf Drängen von Politikern, wie dem Staatskanzler Karl Renner, eine Erklärung, in welcher er auf jeden Anteil an den Staatsgeschäften in der österreichischen Reichshälfte verzichtete. Am 13. November kam er dem Wunsch von ungarischen Politikern nach und unterzeichnete eine ähnliche Erklärung für die ungarische Reichshälfte. In beiden Fällen sah er diesen Akt aber nicht als Abdankung an, zumal die Armee noch auf ihn vereidigt blieb. Karl zog sich in weiterer Folge auf Schloss Eckartsau im Marchfeld zurück, wo er von der britischen Armee beschützt wurde. Am 23. März 1919 verließ Karl zusammen mit seiner Familie aufgrund des in Kürze in Kraft tretenden Habsburgergesetzs Österreich in Richtung Schweiz. Am nächsten Tag, vor dem Grenzübertritt in die Schweiz, widerrief er im Feldkircher Manifest seine Erklärung vom 11. November 1918 und protestierte gegen seine Absetzung als Herrscher.[1]

Zu Ostern 1921 startete Karl unter Mithilfe des Grafen Tamas von Erdődy (Thomas Graf Erdődy) schließlich seinen ersten, letztendlich erfolglosen, Versuch in Ungarn wieder den Thron zu besteigen.

Zeitablauf des ersten Restaurationsversuches

24. März 1921, Gründonnerstag, Ausreise nach Frankreich

Schloss Rotenturm, der Wohnsitz des Grafen Erdődy

Der Restaurationsversuch von Kaiser Karl begann unter größter Geheimhaltung, denn auch seine nächste Umgebung war in sein Vorhaben nicht eingeweiht. Von seinem Schweizer Wohnort Prangins ging er zu Fuß über die Grenze nach Frankreich, wo er mit dem Zug nach Straßburg fuhr.[2] Als Reisedokument benutzte er den Pass seines portugiesischen Gärtners Roderigo Sanques, der ihm derart ähnlich sah, dass so manch Schweizer Passant, der neugierig über den Zaun der Pranginser Villa spähte, glaubte, den Kaiser bei der Gartenarbeit gesehen zu haben.[3]

25. März 1921, Karfreitag, Zugfahrt von Straßburg nach Wien

Karl bestieg an diesem Tag in Straßburg den D-Zug nach Wien, das er spät in der Nacht erreichte. Vom Wiener Westbahnhof fuhr der inkognito reisende Kaiser mit dem Taxi in die Landskrongasse 5, wo ein Jugendfreund von ihm, der ungarische Graf Tamas von Erdődy, eine Wohnung besaß. Erdődy wurde vom Besuch des Kaisers vollkommen überrascht. Er befürchtete eine sofortige Verhaftung des Kaisers, weil er sein Haus von der Polizei überwacht wähnte. Karl weihte ihn in seine Pläne ein und übernachtete in der Wohnung von Erdődy, während dieser die Nacht dazu nutzte, um die Reise nach Ungarn im Detail zu planen.[4]

26. März 1921, Ostersamstag, Einreise in Ungarn und Fahrt nach Szombathely

Um die für die Einreise in Ungarn notwendigen Papiere für den vermeintlichen Portugiesen Roderigo Sanques zu organisieren, ließ Erdődy seine Beziehungen spielen und kontaktierte persönlich den ungarischen Generalkonsul Arpad von Nagy in Wien. Trotz der Osterfeierlichkeiten erhielt der Graf auf Anweisung des Konsuls das Visum und konnte gemeinsam mit dem Kaiser in einem Taxi in Richtung Seebenstein aufbrechen.[5] Im damaligen Schloss des Herzogs von Braganza wartete schon Schlederer, der ehemalige Leibchauffeur des Kaisers. Nach einem rührenden Wiedersehen ging es mit dessen Auto über Aspang, Mönichkirchen und Pinggau zum österreichisch-ungarischen Grenzübergang nach Sinnersdorf.[6]

Die Einzelheiten dieses Tages wurden von den Hauptakteuren in ihren Memoiren bzw. in Berichten festgehalten, wobei sie in Details allerdings geringfügig voneinander abweichen.

So diktierte der Kaiser nach seiner Rückkehr in die Schweiz seinem Sekretär Baron Karl Werkmann folgenden Bericht über die Einreise nach Ungarn und den kurzen Aufenthalt in Pinkafeld:[7]

„In Sinnersdorf war österreichische Passrevision, die sehr schnell vonstatten ging. Die österreichischen Finanzorgane sowie die Gendarmen machten einen sehr guten Eindruck. Sie sind gut angezogen, sauber, anständig. An der ungarischen Grenze war ein alter Gendarmeriewachtmeister aus Debrecen, der richtige braune Sohn der Puszta, der nicht recht wusste, was er mit einem Pass anfangen sollte. Neben ihm stand ein Soldat in Sommerzwilchhosen. Nun ging es weiter im Auto nach Pinkafö. Das war eine Freundlichkeit der österreichischen Grenzorgane. Das Auto hatte nicht das Recht die Grenze zu überschreiten. In Pinkafö aßen wir im Gasthaus Jenner (Anmerkung: richtig ist Lehner). Nach zwei Tagen wieder das erste warme Essen! Schnitzel mit Gurken. Der Wirt hob sich Besteck und den Rest der Gurken zum Andenken auf. Es war interessant zu sehen, wie die Leute auf fremdes Geld fliegen. Das Schnitzel bezahlten wir mit französischen, den Wagen mit Schweizer Franken.“

Etwas ausführlicher schilderte Graf Tamas Erdödy die Situation des Grenzübertrittes in seinen Memoiren:[8][9]

„Ein paar hundert Meter vor der Grenzlinie. Österreichische Finanzbeamte und Gendarmen nehmen den Wagen in Empfang. "Verehrung, Respekt, Herr Graf", klang es mir entgegen. Man hatte mich erkannt. Das war aber gar nicht übel in diesem Falle. Mein Pass schien in Ordnung, aber mit dem meines Begleiters wusste man nichts Rechtes anzufangen. Ein älterer Beamter nahm mich beiseite: "Wen haben's denn da, Herr Graf?" Ich meinte lächelnd: "Nun, einen vom Roten Kreuz." Der Beamte: "Bitte lesen Sie mir doch den Pass vor!" Ich aber lachte aus vollem Halse: "Kann mir schon denken, dass Sie den Pass nicht lesen können, es ist ein portugiesischer Pass. Aber ich kann, ich schwöre es ihnen, ebensoviel Portugiesisch wie Sie selbst. Machen Sie keine Geschichten, ich bin doch selbst ein alter Gendarm, und weiß, wie man sich da hilft. Schreiben Sie was Sie woll'n in Ihr Protokoll, wer schert sich denn schließlich darum." Den Pass meines Begleiters bekam ich daraufhin zurück. Aber der Wagen durfte nicht weiter. Wir hatten kein Triptyk (Anmerkung: Zolldokument). Was tun? Der Weg bis zu den ungarischen Posten war nicht kurz und ein Sumpf. Schließlich schlug ich vor, man möge uns einfach einen Gendarmen mitgeben, der dann den Wagen mit Schlederer (Anmerkung: Der Chauffeur) zurückbringen würde. Nachdenklich standen die Beamten herum, manches Mal tastete ein scheuer Blick nach dem Kaiser. Schließlich war man einverstanden. Ein junger Gendarm sprang vor, an seiner Brust blitzte etwas immerhin Seltenes: die Goldene Tapferkeitsmedaille. Der setzte sich neben den Chauffeur, wir grüßten. Die Beamten sahen merkwürdig lange dem Wagen nach, der durch die Schmutzseen der Straße schaukelte, Kotfächer um sich herstreuend. Schließlich kam er doch nahe, der erste ungarische Ort Pinkafö. Ungarische Gendarmen, den Hahnenbusch auf den Hüten, traten auf uns zu, der Österreicher salutierte uns. Ich trat auf den jungen Beamten zu und dankte ihm für seine Liebenswürdigkeit. Plötzlich zog mich der Gendarm weg:" Glauben Sie, Herr Graf, ich wüsste nicht, wen Sie geschmuggelt? Ich sollte den Menschen nicht wiedererkennen, der mir mit eigener Hand diese Tapferkeitsmedaille an die Brust geheftet?" Wir drückten uns fest die Hände...“

„Mir schien es noch immer unfassbar, dass wir Ungarn erreicht hatten...Nun, da er ungarischen Boden unter den Füßen wusste, wurde auch der König sogleich ruhiger. Wir konnten daran denken, nach der abenteuerlichen Hetzfahrt ein wenig auszuruhen und zunächst einmal das versäumte Mittagessen nachzuholen. Auch waren wir ohne Vehikel und mussten daran denken, Pferde oder ein Auto für unsere weitere Fahrt zu requirieren. Das nächste Ziel des Königs war Szombathely, wo sich der König zunächst an den Bischof Johann Mikes wenden wollte. Ich war der Ansicht, dass ich Pferde in Pinkafö am besten bei meinem alten Freund, dem Wirt Lehner, erhalten konnte. Wir trafen Lehner selbst an und wurden von ihm mit ausgesuchter Höflichkeit, ja tiefster Ehrerbietung empfangen. Das ganze Haus schien in hellster Freude. Einen Augenblick gelang es dem Wirt Lehner, mich allein zu sprechen. "Wer ist der Herr, mit dem Sie hier sind, Herr Graf?" "Ach, ein Funktionär des Roten Kreuzes", gab ich leicht zurück. Der Wirt aber wollte lachen, das Lachen blieb im plötzlich in der Kehle stecken. "Ich weiß genau, wer er ist, Herr Graf.." "Dann schweig, Lehner!" Der nickte bloß, dann schossen ihm Tränen in die Augen und er wandte sich schwer bewegt ab. Aus den Tellern, die der Kaiser benutzte, aß nach ihm kein Gast mehr. Noch heute hängen sie in Lehners guter Stube gerahmt und mit einer feierlichen Inschrift versehen."“

Auch der Hotelier Julius Lehner hielt dieses für ihn bemerkenswerte Ereignis in einem Bericht fest, der sich heute im Burgenländischen Landesmuseum befindet:[10]

„Ich berichte wahrheitsgemäß über den Besuch des letzten Monarchen Österreichs in meinem Gasthaus. Der Grund für diesen Besuch ist hinlänglich bekannt. Es mag sein, dass sich infolge der vielen Jahre, die zwischen damals und heute liegen, in meine Erinnerung belanglose Ungenauigkeiten eingeschlichen haben, aber insgesamt ist mir dieses geschichtliche Ereignis noch klar in Erinnerung: Am Karsamstag des Jahres 1921 hielt vor meinem Gasthaus ein Auto, dem zwei distinguierte Herrn entstiegen. Das Fahrzeug kam von Sinnersdorf. Es war in der Mittagsstunde. Die beiden Herrn betraten das Gastlokal und nahmen im Extrazimmer Platz. In der Gaststube waren einige einheimische Gäste anwesend. Der Kraftfahrer versorgte inzwischen einige elegante Lederkoffer. Zu mir sagte er: "Herr Wirt, kennen sie diesen Herren?" "Ich werde doch den Grafen Erdődy kennen!" gab ich zur Antwort. Einer der beiden Herrn war nämlich schon lange bekannt, es war Graf Thomas Erdődy aus Rotenturm. Den zweiten Herrn kannte ich nicht, obwohl mir seine Gesichtszüge irgendwie bekannt vorkamen. Die Augen wurden durch Autobrillen, wie sie damals üblich waren, verdeckt, dazu hatten die Brillen noch schwarzes Glas. Der fremde Gast legte diese Brillen auch während des späteren Mittagessen nicht ab. Auf meinen Hinweis an den Grafen Erdődy, dass mir sein Begleiter bekannt vorkäme und dass ich diesen Herrn schon irgendwo gesehen hätte, gab der Graf zur Antwort, dass dies vollkommen ausgeschlossen sei, denn der Herr wäre der Vertreter des spanischen "Schwarzes Kreuzes". Darauf bestellte er das Mittagessen. Es gab Naturschnitzel mit Essiggurken. Die Speisen wurden durch meine Frau Anna Lehner zubereitet. Da das Mittagessen anscheinend mundete, bestellte der fremde Gast in französischer Sprache ein weiteres Schnitzel. Ich beherrsche aber die englische Sprache besser als die französische, daher fragte ich bei dieser Gelegenheit auf Englisch, wohin die Reise gehe. Die Antwort kam in fließendem Englisch: "Zu Graf Erdődy nach Rotenturm". Graf Thomas Erdődy verließ mehrere Male das Gasthaus, um zu telefonieren. Er war offensichtlich nervös, denn ihm wurde fernmündlich mitgeteilt, dass sein eigenes Auto, welches zur Weiterfahrt benötigt wurde, eine Panne hätte. Das Auto des Prinzen Renee durfte nicht weiter, da keine Reisegenehmigungen vorlag. So äußerte schließlich Graf Erdődy den Wunsch, einen Pferdewagen zur Weiterfahrt zur Verfügung zu stellen. Ich sagte zu, obwohl die Pferde an diesem Tage schon zweimal in Pinggau waren. Aus diesem Grund musste die Pferdefütterung abgewartet werden. Um 17 Uhr war mein Kutscher Johann Huhlfeld zur Abfahrt bereit. Ich meldete dem Grafen den fahrbereiten Wagen in deutscher Sprache. Der fremde Gast erhob sich darauf sofort von seinem Platz, er verstand also auch die deutsche Sprache. Das fiel mir auf! Die Rechnung wurde von dem Unbekannten bezahlt. Für die Zeche und als Fuhrlohn erhielt ich 100 Schweizer Franken. Ich meinte, das wäre zuviel. Darauf der Gast in englischer Sprache: "Nehmen Sie nur, Hegedüs[11] ist Finanzminister und da steigt der Wert des Pengös!“

Der Kutscher Johann Huhlfeld fuhr nun mit dem Kaiser und dem Grafen Erdődy nach Großpetersdorf. Über diese nächste Etappe seiner Reise diktierte Karl nach seiner Rückkehr in die Schweiz seinem Sekretär Baron Karl Werkmann folgenden Bericht:[7]

„Von Pinkafö fuhren wir mittels Wagen über Oberwarth, wo gerade die Auferstehungsprozession war. Wir knieten nieder und ließen den Zug an uns vorbeiziehen. Die Garnison war ausgerückt, und zwar in unseren alten, guten Uniformen, die Artillerie mit Kartusche. Es war ein erhebender Moment! Und dabei die alten Uniformen wiedersehen! Von Oberwarth fuhren wir nach Petersdorf, St. Mihaly. Dort hofften wir von Herrn Schey ein Auto zu bekommen. Dieser Herr ist ein großer Patriot, Legitimist und Freund des Tamas. Wir waren in Scheys Wohnung und sprachen mit seinen Töchtern. Die eine, die jüngere, bot sich, obwohl sie nicht wusste wer ich war, an, als Stubenmädchen nach Prangins zu gehen. Ich fragte die Leute aus, wie wohl der König aussehe. Ich dachte immer, sie würden Photographien bringen, doch erkannte mich niemand. Zum Schlusse tranken sie alle auf das Wohl des Königs und beschimpften mich, weil ich nicht 'ex' getrunken hatte, aber der Wein war mir zu schwer. Wir fuhren nun mit den Pferden des Herrn Schey auf der direkten Straße nach Steinamanger.“

Laut den Memoiren von Graf Tamas Erdődy verlief der Aufenthalt in Großpetersdorf viel spektakulärer als es der Bericht des Kaisers vermuten lässt:[12]

„Es war kein besonderes Gefährt, ein richtiges Bauerngefährt, das uns nach Nagyszentmihaly (heute Großpetersdorf, der Ort wurde mit dem Burgenland an Österreich abgetreten) brachte. Hier gedachte ich bei einem Bekannten, dem Kaufmann Herrmann Schey, abzusteigen, von dem ich wusste, dass er ein Automobil besaß. Wir fuhren vor seinem Hause vor und trafen ihn auch an. Er erkannte den König nicht. Das Automobil befand sich allerdings in Reparatur, hingegen versprach er uns einen Landauer mit zwei guten Pferden stellig zu machen, wie man beim Militär zu sagen pflegt. Indes lud er uns zu einer Jause ein, bei welcher auch die beiden Schwestern Scheys zugegen waren. Hier stellte ich den König als Funktionär des amerikanischen Roten Kreuzes vor, was ich im Augenblick bereute, da die eine der Damen den König sogleich englisch ansprach. Ich wusste aber, dass der König das Englische recht mangelhaft beherrschte. Der König lächelte und antwortete der Dame auf deutsch, was vielleicht recht höflich aussah und keinerlei Verdacht schöpfen ließ. Aber dies sollte nicht der letzte Zwischenfall sein. Wir unterhielten uns lebhaft, sprachen über die Burgenlandfrage, indes ein Mädchen den Kaffee auftrug. Vielmehr auftragen wollte. Denn plötzlich ließ sie die Tassen zu Boden fallen, wir sahen erschreckt auf und blickten in ihr entgeistertes Gesicht. Sie stand vor dem König und rief außer sich:"Jesus Maria!...A kiraly!" (Der König) Und stürzte hinaus. Der Vorfall klärte sich bald auf: Das Mädchen hatte während des Krieges, gerade als also das Hauptquartier in Baden aufgeschlagen war, als Köchin in Baden gedient und natürlich beinahe täglich den Kaiser gesehen... Nun hätte es keinen Sinn gehabt, das Inkognito wahren zu wollen. Plötzlich durchschnitt die Sirene der Feuerwehr die ländliche Stille: Wie ein Lauffeuer hatte sich die Kunde von der Ankunft des Königs verbreitet, und vor dem Hause Schey stand in bester Montur und ausgerichtet zur Parade die Feuerwehr von Nagyszentmihaly. Das wurde die erste Begrüßung des Königs durch eine offizielle Körperschaft auf dem Boden Ungarns. Inzwischen wieherten zwei schöne Pferde heran, ein 'Gummiradler' fuhr vor, und wir stiegen, von tosenden 'Eljen'-Rufen, in den Wagen. Langsam ebbte der Lärm hinter uns, wir nahmen Kurs auf Szombathely. Hier sollten aus dem Abenteuer des Königs die ersten politischen Konsequenzen folgen...“

Der Kutscher Johann Huhlfeld, der Karl und den Grafen Erdődy nach Großpetersdorf gebracht hatte, kehrte noch am Abend nach Pinkafeld zurück und berichtete seinem Arbeitgeber dem Hotelier Lehner über die Vorkommnisse auf dieser Fahrt, wie Julius Lehner später berichtete:[10]

„In Oberwart bewegte sich gerade die Auferstehungsprozession durch die Hauptstraße. Deshalb wurde das Pferdegespann in einem Gasthaus eingestellt. Als die Prozession vorüberzog, knieten die beiden Herrn nieder. Bald ging es weiter. Hinter Oberwart nahm der vermeintliche Spanier die Autobrillen von den Augen und wurde vom Kutscher sofort erkannt. Dieser Kutscher hatte als ehemaliger Soldat bei irgendeiner Gelegenheit Kaiser Karl früher gesehen. Die Fahrt ging bis Großpetersdorf. Bei Herrn Scheu stiegen die beiden Gäste vom Wagen, der Kutscher aber konnte die Rückfahrt antreten. Spät in der Nacht meldete er bei mir seine Rückkehr und meinte aufgeregt:"Herr, wissen Sie, wen ich heute gefahren bin? Den Kaiser!" Für mich bedeutete der Besuch des Kaisers etwas ganz Großes. Heute bewahre ich noch das Trinkglas des Kaisers als Erinnerungsstück auf. Das Essbesteck des Kaisers und die 100 Schweizer Franken wurden im Jahre 1945 von den russischen Soldaten aus dem Panzerschrank genommen. Viel wurde über diese geschichtliche Begebenheit geschrieben, aber nicht alles entspricht den Tatsachen.“

Spät in der Nacht erreichten die beiden schließlich Szombathely und suchten dort umgehend Bischof Johann Mikes auf.

27. März 1921, Ostersonntag, Reise nach Budapest

Auch beim Bischof und der illustren Runde, die im bischöflichen Palais zufällig zu Gast war, löste der plötzliche Besuch des Kaisers ungläubiges Staunen aus. Man verständigte den Kommandeur der Garnison, Oberst Anton Lehár, einen glühenden Verehrer von Karl, der umgehend eine Ehrenkompanie aufmarschieren ließ. Gegen ein Uhr morgens stieß der ungarische Ministerpräsident Paul Teleky, der sich zufällig auf einem Jagdausflug in der Nähe von Szombathely aufhielt, zur Runde. Die ganze Nacht wurde beratschlagt, wie es weitergehen sollte. Gegen den Rat von Lehár, Erdődy und Teleky[13] beschloss Karl mit dem Ministerpräsidenten nach Budapest zu fahren, um mit dem Reichsverweser Miklós Horthy zu sprechen.[14]

Die Unterredung zwischen Karl und Horthy in Budapest dauerte ganze zweieinhalb Stunden und endete mit der sofortigen Rückkehr des Habsburgers nach Szombathely. Horthy fürchtete nicht von ungefähr eine negative Reaktion der Kleinen Entente, die auch umgehend durch eine Mobilisierung von Truppen in der Tschechoslowakei erfolgte.[15][16]

28. März bis 4. April, Aufenthalt in Szombathely

Als Karl am Morgen des Ostermontages wieder in Szombathely ankam, hatten die Strapazen der letzten Tage und seine schon angeschlagene Gesundheit dazu geführt, dass er hohes Fieber bekam. Die Krankheit bewahrte ihn aber davor umgehend ausgewiesen zu werden.[17]

4. April, Rückreise durch Österreich in die Schweiz

Der diplomatische Druck, hervorgerufen durch Vertreter der Kleinen Entente und aber auch durch habsburgfeindliche ungarische Gruppierungen, wurde so groß, dass die ungarische Nationalversammlung Karl schließlich durch ihren Präsidenten Rakovszky übermitteln ließ, dass er auszureisen habe. Am 4. April gab es in Szombathely einen bewegten und tränenreichen Abschied von der Bevölkerung.[18] Der ungarische Zug fuhr bis ins steirische Fehring, wo der Salonwagen des Königs an einen österreichischen Zug angehängt wurde. Sowohl der Empfang als auch die Fahrt durch Österreich waren aber sehr unerfreulich für Karl. In Graz musste ein großes Polizeiaufgebot den Bahnhof bewachen und besonders in Bruck an der Mur versammelten sich viele Arbeiter, die dem Kaiser ihre Meinung sagen wollten. Der Zug musste in Frohnleiten angehalten werden, weil man befürchtete, dass die Bevölkerung den Bahnhof stürmen würde. Erst spät in der Nacht konnte der Zug mit dem Kaiser schließlich unbehelligt Bruck passieren.[19]

Folgen

Am 5. April betrat Karl wieder Schweizer Boden, wo er nun von den Behörden strenger überwacht wurde. Trotzdem gelang es ihm im Oktober 1921 ein weiteres Mal nach Ungarn zu kommen, um dort erneut nach der Macht zu greifen. Obwohl es bei diesem zweiten Versuch sogar zu kleineren militärischen Auseinandersetzungen zwischen kaisertreuen Truppen und Regierungseinheiten kam, scheiterte schlussendlich auch dieses Unternehmen und der ungarische Thron ging somit für Karl für immer verloren.[20] Nun griff die Entente hart durch, welche in Westungarn mit der Burgenlandfrage ohnehin ein großes Problem zu lösen hatte und in diesem Raum daher keine zusätzlichen Störfaktoren gebrauchen konnte. Sie verbannte den Habsburger auf die Insel Madeira, wo er am 1. April 1922 an einer Lungenentzündung verstarb.

Einzelnachweise

  1. Seminararbeit Viktor Szontagh: Die Thronbesteigungsversuche von Karl (IV.) Habsburg, König von Ungarn im Jahr 1921, Seite 5, Webseite www.univie.ac.at, abgerufen am 19. Jänner 2015
  2. Habsburg im Exil – Die Dynastie nach 1918 - Putschversuche in Ungarn, Webseite www.habsburger.net, abgerufen am 21. Jänner 2015
  3. Paul Szemere, Erich Czech: Habsburgs Weg von Wilhelm zu Briand. Vom Kurier der Sixtus-Briefe zum Königsputschisten. Die Memoiren des Grafen Tamas von Erdődy., Seite 209 und 210, Zürich - Leipzig - Wien, Amalthea, 1931
  4. Paul Szemere, Erich Czech: Habsburgs Weg von Wilhelm zu Briand. Vom Kurier der Sixtus-Briefe zum Königsputschisten. Die Memoiren des Grafen Tamas von Erdődy., Seite 213 und 217, Zürich - Leipzig - Wien, Amalthea, 1931
  5. Paul Szemere, Erich Czech: Habsburgs Weg von Wilhelm zu Briand. Vom Kurier der Sixtus-Briefe zum Königsputschisten. Die Memoiren des Grafen Tamas von Erdődy., Seite 218 und 219, Zürich - Leipzig - Wien, Amalthea, 1931
  6. Paul Szemere, Erich Czech: Habsburgs Weg von Wilhelm zu Briand. Vom Kurier der Sixtus-Briefe zum Königsputschisten. Die Memoiren des Grafen Tamas von Erdődy., Seite 219 und 220, Zürich - Leipzig - Wien, Amalthea, 1931
  7. 7,0 7,1 Herbert Vivian: Karl I. von Österreich, Seite 305ff, Leipzig, Höger Verlag 1935
  8. Paul Szemere, Erich Czech: Habsburgs Weg von Wilhelm zu Briand. Vom Kurier der Sixtus-Briefe zum Königsputschisten. Die Memoiren des Grafen Tamas von Erdődy., Seite 220 bis 222, Zürich - Leipzig - Wien, Amalthea, 1931
  9. Paul Szemere, Erich Czech: Habsburgs Weg von Wilhelm zu Briand. Vom Kurier der Sixtus-Briefe zum Königsputschisten. Die Memoiren des Grafen Tamas von Erdődy., Seite 228 bis 229, Zürich - Leipzig - Wien, Amalthea, 1931
  10. 10,0 10,1 Josef Karl Homma, Harald Prickler und Seedoch: Geschichte der Stadt Pinkafeld, Seite 90 bis 91, Pinkafeld 1987
  11. Lóránt Hegedüs, Webseite en.wikipedia.org, abgerufen am 21. Jänner 1921
  12. Paul Szemere, Erich Czech: Habsburgs Weg von Wilhelm zu Briand. Vom Kurier der Sixtus-Briefe zum Königsputschisten. Die Memoiren des Grafen Tamas von Erdődy., Seite 229 bis 230, Zürich - Leipzig - Wien, Amalthea, 1931
  13. Seminararbeit Viktor Szontagh: Die Thronbesteigungsversuche von Karl (IV.) Habsburg, König von Ungarn im Jahr 1921, Seite 14, Webseite www.univie.ac.at, abgerufen am 19. Jänner 2015
  14. Paul Szemere, Erich Czech: Habsburgs Weg von Wilhelm zu Briand. Vom Kurier der Sixtus-Briefe zum Königsputschisten. Die Memoiren des Grafen Tamas von Erdődy., Seite 234 bis 238, Zürich - Leipzig - Wien, Amalthea, 1931
  15. Paul Szemere, Erich Czech: Habsburgs Weg von Wilhelm zu Briand. Vom Kurier der Sixtus-Briefe zum Königsputschisten. Die Memoiren des Grafen Tamas von Erdődy., Seite 242, Zürich - Leipzig - Wien, Amalthea, 1931
  16. Seminararbeit Viktor Szontagh: Die Thronbesteigungsversuche von Karl (IV.) Habsburg, König von Ungarn im Jahr 1921, Seite 15 und 16, Webseite www.univie.ac.at, abgerufen am 19. Jänner 2015
  17. Paul Szemere, Erich Czech: Habsburgs Weg von Wilhelm zu Briand. Vom Kurier der Sixtus-Briefe zum Königsputschisten. Die Memoiren des Grafen Tamas von Erdődy., Seite 245 bis 249, Zürich - Leipzig - Wien, Amalthea, 1931
  18. Paul Szemere, Erich Czech: Habsburgs Weg von Wilhelm zu Briand. Vom Kurier der Sixtus-Briefe zum Königsputschisten. Die Memoiren des Grafen Tamas von Erdődy., Seite 250 bis 256, Zürich - Leipzig - Wien, Amalthea, 1931
  19. Paul Szemere, Erich Czech: Habsburgs Weg von Wilhelm zu Briand. Vom Kurier der Sixtus-Briefe zum Königsputschisten. Die Memoiren des Grafen Tamas von Erdődy., Seite 257 bis 263, Zürich - Leipzig - Wien, Amalthea, 1931
  20. Seminararbeit Viktor Szontagh: Die Thronbesteigungsversuche von Karl (IV.) Habsburg, König von Ungarn im Jahr 1921, Seite 18 und 21, Webseite www.univie.ac.at, abgerufen am 19. Jänner 2015