Gundacker von Thernberg

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Gundacker von Thernberg (* vor 1319; † 8. oder 13. August nach dem 25. Juli 1349[A 1]) ist als Pfarrer der Pfarre im Kahlenbergerdorf bei Wien (heute Teil des 19. Wiener Gemeindebezirks) nachgewiesen. In der Welt der Wiener Sagen gilt er als das historische Vorbild für den legendären Pfaffen vom Kahlenberg.

Historische Fakten

Die Familie der Herren von Terenberch (Thernberger) ist seit dem 9. Jahrhundert in der Buckligen Welt nachgewiesen.[Einzelnachweis 1]. Zwischen 1308 und 1314 verkauften die Brüder Niklas und Ulrich von Thernberg die Burg und Herrschaft Thernberg (bei Pitten) an Herzog Friedrich I. von Österreich, den späteren (Gegen-)König Friedrich den Schönen[A 2]. Mit ihnen dürfte die Familie in männlicher Linie ausgestorben sein.[Einzelnachweis 2]

Der historisch belegte Gundacker war der Sohn eines Niklas von Thernberg (auch Nyklas von Ternberch oder Nikolai von Ternberch) und vermutlich ein jüngerer Bruder der beiden letzten Thernberger Niklas und Ulrich[Einzelnachweis 3]. und übernahm vor 1339 die Pfarre im Kahlenbergerdorf (auch Kahlenbergerdörfl) am Leopoldsberg[A 3] bei Wien, die er bis nach 1355 betreute. Am Ende seines Lebens war er Pfarrer von Prigglitz[Einzelnachweis 4], wo in der Pfarrkirche ein Rest seines Grabsteins, wenn gleich ohne Jahreszahl, erhalten ist.[Einzelnachweis 5] Zuvor dürfte er außerdem auch Pfarrer einer Pfarre Kirchberg (Chirichperg), vermutlich im heutigen Kirchberg am Wechsel, gewesen sein.[Einzelnachweis 6].

Die Sagenfigur des Pfaffen vom Kahlenberg

Der Wiener Schriftsteller Philipp Frankfurter (* 1450; † 1511) verfasste nach älteren Überlieferungen eine Schwanksammlung, die erstmals um 1472 / 1480 gedruckt wurde und weite Verbreitung fand. (Bis 1622 wurden ca. 36 Auflagen gedruckt, darunter auch Übersetzungen ins Niederdeutsche, Niederländische und Englische). Sie erzählt die lustigen Streiche eines (namentlich nicht genannten) Pfaffen (Pfarrers) vom Kahlenberg bzw. aus dem Kahlenbergerdorf, der am Hof des Herzogs Otto von Österreich, genannt Otto der Fröhliche, gern gesehen wird und auch mit dem Passauer Weihbischof Peter († 1349)[A 4] Bekanntschaft pflegt.[Einzelnachweis 7] Gegenspieler des Pfaffen sind gewöhnlich seine Pfarrgemeinde (die Bauern aus dem Kahlenbergerdorf), der Bischof und die herzögliche Familie[Einzelnachweis 8].

Wolfgang Lazius (1514-1565) gab dem Pfaffen vom Kahlenberg den Namen Wigand von Theben, der bis ins 20. Jahrhundert für historisch gehalten wurde. In der Überlieferung von Ladislaus Sunthaym von 1486 / 1501 wird der "Pfaffe vom Kahlenberg" erstmals mit dem historischen Pfarrer Gundacker von Thernberg identifiziert.[Einzelnachweis 9][A 5]

Wigand von Theben

Die Frage, ob Wigand von Theben (auch Wiegand oder Weigand von Theben) eine historische Figur gewesen sein könnte, die vielleicht mit Gundacker von Thernberg verwechselt oder durcheinander gebracht wurde, konnte bisher ebensowenig wie die Theorie beide wären miteinander ident gewesen, geklärt werden. Historisch ist er nicht belegt. Nach der Biographie, die sich um seine wohl fiktive Person gebildet hat und Fakten übernimmt, die für Gundacker von Thernberg belegt sind, wurde er in Theben bei Hainburg geboren und soll um 1320 die Wiener Bürgerschule bei Sankt Stephan besucht haben, ehe er der Hofkaplan von Herzog Otto von Österreich war. Nach dessen Tod soll er die Pfarre im Kahlenbergerdorf übernommen haben und später in Prigglitz verstorben sein.[Einzelnachweis 10].

Der Pfaffe von Kahlenberg in Belletristik und Literatur

Werkausgaben, Nacherzählungen und Neufassungen

  • Gerta Hackl: Schelmenstreiche des Pfaffen vom Kahlenberg Gundacker von Thernberg. Jasomirgott Verlag. 1982. ISBN 978-3853790243

Erinnerungen

Nach ihm beziehungsweise dem fiktiven Wigand von Theben wurde am 26. Juni 1895 die Wigandgasse in Wien 19 im früheren Kahlenbergerdorf benannt[Einzelnachweis 11]. Der österreichische Bildhauer Rudolf Friedl fertigte eine Skulptur des legendären Pfaffen vom Kahlenberg an, die 1981 in der Pfarrkirche Kahlenbergerdorf enthüllt wurde[Einzelnachweis 12].

Literatur

  • Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien. Wien: Verlag Kremayr & Scheriau 1997, Band 5, S. 446
  • Hermann Delacher: Als in Wien das Licht anging. Denkwürdiges & Kurioses aus vergangenen Tagen. Wien: Pichler Verlag 2000, ISBN 3-85058-181-0, S. 50f.
  • Wolfgang Salomon: Wien abseits der Pfade. Eine etwas andere Reise duch die Stadt an der blauen Donau. Braumüller Verlag. 2014. Bd. 1, ISBN 978-3991001164
  • Martin Schubert (Hrsg.): Schreiborte des deutschen Mittelalters. Skriptorien – Werke – Mäzene. Verlag De Gruyter 2013, ISBN-13978-3110217926, S. 612
  • Eva Wodarz-Eichner: Narrenweisheit im Priestergewand: Zur Interpretation des spätmittelalterlichen Schwankromans »Die geschicht und histori des pfaffen von Kalenberg« (= Kulturgeschichtliche Forschungen. Hrsg. von Dietz-Rüdiger Moser. Band 27). München: Herbert Utz Verlag 2007, ISBN 9783831606603

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Eva Wodarz-Eichner: Narrenweisheit im Priestergewand, 2007, S. 139ff.
  2. vgl. Eva Wodarz-Eichner: Narrenweisheit im Priestergewand, 2007, S. 141ff.
  3. vgl. Eva Wodarz-Eichner: Narrenweisheit im Priestergewand, 2007, S. 141
  4. Interessant ist, dass Prigglitz in der Nähe des ehemaligen Zisterzienserklosters Neuberg an der Mürz liegt, wo Herzog Otto der Fröhliche, der in den Sagen um den Pfaffen vom Kahlenberg immer wieder vorkommt, mit seiner Familie seine letzte Ruhestätte gefunden hat, vgl. Eva Wodarz-Eichner: Narrenweisheit im Priestergewand, 2007, S. 155, Fußnote 280
  5. Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien. 1997, Band 5, S. 446
  6. vgl. Eva Wodarz-Eichner: Narrenweisheit im Priestergewand, 2007, S. 139f. und S. 147f.
  7. Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien. 1997, Band 5, S. 446
  8. Eva Wodarz-Eichner: Narrenweisheit im Priestergewand, 2007, S. 160
  9. Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien. 1997, Band 5, S. 446
  10. Eva Wodarz-Eichner: Narrenweisheit im Priestergewand, 2007, S. 130
  11. Gundacker von Thernberg im Wien Geschichte Wiki der Stadt Wien, eingesehen am 25. April 2017
  12. Gundacker von Thernberg im Wien Geschichte Wiki der Stadt Wien, eingesehen am 25. April 2017

Anmerkungen

  1. In der Sekundärliteratur wird gewöhnlich davon ausgegangen, dass Gundacker von Thernberg nach 1355 verstorben ist. Nach dem Datum der letzten Urkunde im Stift Lilienfeld, in der sein Name aufscheint, schließt Eva Wodarz-Eichner: Narrenweisheit im Priestergewand, 2007, S. 153, dass er bereits nach dem 25. Juli 1349 verstorben sein wird. Aufgrund von Indizien vermutet sie, dass er an der Pest verstorben sein dürfte und hält als Todesdatum den 8. oder 13. August 1349 für wahrscheinlich, da für dieses Jahr eine Pestwelle im Herzogtum Österreich nachgewiesen ist.
  2. Friedrich der Schöne war ein älterer Bruder von Herzog Otto dem Fröhlichen, mit dem der Pfaffe vom Kahlenberg immer wieder zu tun bekommt.
  3. Der Wiener Leopoldsberg hatte im Mittelalter den Namen Kahlenberg, während der heutige Wiener Kahlenberg damals Schweineberg genannt wurde.
  4. Für die meisten kirchlichen Einrichtungen im Herzogtum Österreich war damals das Bistum Passau zuständig. Erst 1469 wurde Wien ein eigenes Bistum.
  5. In der neueren Forschung, so zum Beispiel im Wien Lexikon, wird davon ausgegangen, dass der Name Wigend von Theben eine Erfindung von Lazius ist. Daneben wird auch die Möglichkeit diskutiert, dass Gundacker von Thernberg auch unter diesem Namen bekannt gewesen sein könnte. Möglich wäre außerdem, dass in der Figur des Pfaffen von Kahlenberg mehrere Personen miteinander verschmolzen sind. Ein ausführlicher Überblick zu dieser Forschungsfrage findet sich bei Eva Wodarz-Eichner: Narrenweisheit im Priestergewand, 2007, S. 151-156