Kreuzstadl Rechnitz

Aus Regiowiki
Wechseln zu: Navigation, Suche
Kreuzstadl Rechnitz
Kreuzstadl Rechnitz

Kreuzstadl Rechnitz

Daten
Ort Rechnitz
Koordinaten 47° 17′ 40″ N, 16° 26′ 43″ O47.29443416.445266Koordinaten: 47° 17′ 40″ N, 16° 26′ 43″ O
Kreuzstadl Rechnitz (Österreich)
Kreuzstadl Rechnitz

Der Kreuzstadel ist eine Gedenkstätte in der burgenländischen Gemeinde Rechnitz und erinnert an die im Zuge des Massakers von Rechnitz in der Nacht von 24. auf den 25. März 1945 ermordeten Zwangsarbeiter. Bei den Opfern dieses Endphaseverbrechens handelte es sich um rund 200 ungarische Juden, welche zur Errichtung des sogenannten Südostwalls herangezogen wurden.

Der Kreuzstadl war früher Teil des Meierhofs eines Gutes der Adelsfamilie Batthyány. Den Namen erhielt das denkmalgeschützte[1] Gebäude, das heute nur mehr als Ruine erhalten ist, durch seinen kreuzförmigen Grundriss.

Historischer Hintergrund

Am 19. März 1944 besetzte im Rahmen der "Operation Margarethe" die deutsche Wehrmacht Ungarn, weil die deutsche Führung aufgrund der militärischen Entwicklung an der Ostfront mit einem Ausscheren des ungarischen Bündnispartners rechnete. Im Zuge dieser Besetzung wurde auch das Sondereinsatzkommando Eichmann rund um den später in Israel hingerichteten Adolf Eichmann aufgestellt. Diese Einheit organisierte in den folgenden Monaten den Holocaust an den ungarischen Juden. Nachdem es zuerst zu einer Ghettoisierung der Juden in der ungarischen Provinz kam, erfolgte ab 15. Mai 1944 die Deportation der Menschen hauptsächlich in das KZ Auschwitz-Birkenau. Im Laufe des Julis kam es zum Abbruch der Deportationen aufgrund internationaler Proteste. Zehntausende weitere ungarische Juden verloren aber trotzdem noch in der Endphase des 2. Weltkrieges, während der Schlacht um Budapest und beim Bau des Südostwalls, ihr Leben. Insgesamt überlebten nur 260.000 der 825.000 jüdischen Bürger Ungarns, die vor bzw. während der Zeit des Zweiten Weltkriegs in Ungarn gelebt hatten.

Im Juli 1944 befahl Adolf Hitler den Bau von Befestigungen, die von der Slowakei bis nach Slowenien reichen sollten. Diese als Reichsschutzstellung oder auch Südostwall bezeichneten Stellungen sollten die von Osten her vordringende Rote Armee vor einem Eindringen in das Reichsgebiet abhalten. Für den Bau des Südostwalls waren neben Angehörigen der Hitlerjugend, sogenannten Ostarbeitern und der ortsansässigen Bevölkerung auch ungefähr 30.000 ungarische Juden ab November 1944 als Zwangsarbeiter eingesetzt.[2]

Siehe auch: Südostwall-Abschnitt Südburgenland

Ablauf der Ereignisse

Im März 1945 wurden etwa 600 ungarische Juden mit der Eisenbahn von Kőszeg nach Burg transportiert, um dort für Arbeiten am Südostwall eingesetzt zu werden. Ungefähr 200 von ihnen waren aber durch Erschöpfung und Krankheiten nicht mehr arbeitsfähig, sodass ihr Rücktransport nach Rechnitz erfolgte.

Über den genauen Ablauf der Ermordung der Juden gibt es widersprüchliche Angaben. Am wahrscheinlichsten gilt die Version, dass Franz Podezin, der NSDAP-Ortsgruppenführer von Rechnitz, in der Nacht vom 24. auf den 25. März 1945 gegen 23 Uhr einige Teilnehmer eines NSDAP-Kameradschaftsfestes auf Schloss Rechnitz aufforderte, die jüdischen Zwangsarbeiter in der Nähe des Kreuzstadls zu ermorden. 18 jüdische Männer wurden zuerst verschont, weil sie die Leichen der Ermordeten begraben mussten. Danach sperrte man die Überlebenden im Schlachthaus von Rechnitz ein, bevor auch sie am nächsten Tag ermordet wurden.[3][4]

Suche nach den Opfern

Im April 1945 ordnete die russische Kommandantur eine Stichexhumierung der Opfer der zweiten Erschießung beim Schlachthaus an, welche ohne Ergebnis blieb. Da es in Rechnitz wenige Tage nach dem Massaker zu schweren Kämpfen einer Waffen-SS-Einheit mit der Roten Armee gekommen war, suchte der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge unter Grabungsleiter Horst Littmann nach deutschen Kriegstoten. Im Zuge dieser Grabungen erhielt Littmann von Ortsansässigen Informationen über die Ermordung der Zwangsarbeiter. Daraufhin dehnte der Volksbund die Suche auch auf die beiden jüdischen Massengräber aus. Im März 1970 gelang es den Ausgräbern die 18 Leichen der zweiten Hinrichtung zu finden. Diese wurden anschließend auf den Jüdischen Friedhof Graz umgebettet.[5]

Horst Littmann fand, nachdem er weitere Nachforschungen anstellte, einen Zettel mit folgender Drohung hinter dem Scheibenwischer seines Autos:

„Wenn ihr nicht dort bleiben wollt, wo die anderen schon lange sind, hört jetzt auf mit der Suche.“

– Eleonore Lappin-Eppel: Ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen in Österreich 1944, S.299

Die Suche wurde in weiterer Folge abgebrochen, aber laut Aussage von Littmann nicht wegen der anonymen Drohung sondern wegen einer fehlenden Grabungsgenehmigung des Bundesministerium für Inneres.[5]

Erste Suchgrabungen direkt am Kreuzstadl fanden Ende 1980er-Jahre statt. In der Folge bemühten sich u.a. der Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge, das Bundesministerium für Inneres, die Universität Wien mit dem Institut für Ur- und Frühgeschichte[6], die Israelitische Kultusgemeinde Wien und der Verein Shalom weitere Grabungen durchzuführen. Aber alle Grabungsarbeiten, die in den Jahren 1990, 1991, 1992, 1993, 1995, 1996 und 2001 stattfanden, verliefen erfolglos.[5]

Auch im Jahr 2017 wurde wieder gesucht. es wurden dazu etwa 10.000 m² Erde abgetragen, wobei aber nur Stacheldrahtreste, Patronen und eine Granate gefunden. Ein vermutetes Massengfrab wurde jedoch nicht gefunden.[7]

Gedenkinitiative RE.F.U.G.I.U.S

RE.F.U.G.I.U.S. - Rechnitzer Flüchtlings- und Gedenkinitiative
Zweck: Gedenken an die Opfer der Jahre 1938-1945, besonders im Burgenland und

im Zusammenhang mit dem Bau des sogenannten "Südostwalls ab 1944

Vorsitz: Ludwig Popper/Paul Gulda
Gründungsdatum: 1997
Sitz: Rechnitz
ZVR 937379334
Website: www.refugius.at

1991 kam es in Rechnitz zur Bildung einer Initiativgruppe mit dem Namen "REchnitzer Flüchtlings- Und GedenkInitiative Und Stiftung - RE.F.U.G.I.U.S". Dabei wurde Bedacht darauf genommen, dass der Vereinsname auch an das lateinische Wort Refugium erinnert.[8]

Die Ziele der Initiative waren der Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken, die Forderung nach einer Gedenkstätte sowie die Errichtung eines Hauses für Flüchtlinge in der Gemeinde, um eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu schlagen. Am 8. Juli 1992 kam es zur Konstituierung des Vereines, wobei sich innerhalb desselben eine "Kreuzstadl-Initative" formierte, deren Ziel der Erwerb des Kreuzstadls war. Den Initiatoren Karl Prantl, David Axmann und Marietta Torberg[9], der Exfrau des Schriftstellers Friedrich Torberg, gelang bereits 1993 der Kauf der Ruine im Rahmen einer privaten Spendenaktion. Nach dem Ankauf wurden vom Verein die Eigentumsrechte am Kreuzstadl an den Bundesverband Israelitischer Kultusgemeinden abgetreten.[10]

1996 erfolgte eine Änderung der Vereinsstatuten, die nun eine Aufarbeitung der Nazigräuel, die Einrichtung eines Wohnobjekts und einer Anlaufstelle für Flüchtlinge im Burgenland beinhalteten. Für den Kreuzstadl war der Ausbau der Ruine zur "Gedenkstätte Kreuzstadl für alle Opfer beim Südostwallbau" vorgesehen[8], wodurch für die Gemeinde Rechnitz die einseitige Belastung der Judenmorde am Südostwall wegfiel, denn derartige Verbrechen gab es entlang des Südostwalls in vielen anderen Gemeinden auch.[10]

Open-Air Museum

Am 25. März 2012 wurde beim Kreuzstadl ein Open-Air Museum eröffnet, wo mit Schautafeln aus Glas, Videos und Objekten die Geschichte des Südostwalls und der Opfer erzählt und dokumentiert wird.[11]

Literatur

  • Sacha Batthyány: Und was hat das mit mir zu tun? Ein Verbrechen im März 1945. Die Geschichte meiner Familie, 2016, ISBN 9783462048315

Einzelnachweise

  1. Burgenland – unbewegliche und archäologische Denkmale unter Denkmalschutz vom w:Bundesdenkmalamt Stand 21. Juni 2016
  2. Michael Achenbach, Dieter Szorger: Der Einsatz ungarischer Juden am Südostwall im Abschnitt Niederdonau 1944/45. Diplomarbeit. Universität Wien, Wien 1997, OBV.
  3. Massaker in Rechnitz: Mord als "Mitternachtseinlage"?, Webseite diepresse.com, abgerufen am 25. August 2016
  4. Das Massaker an ungarisch- jüdischen Zwangsarbeitern zu Kriegsende in Rechnitz (Burgenland) und seine gerichtliche Ahndung durch die österreichische Volksgerichtsbarkeit, Webseite www.nachkriegsjustiz.at, abgerufen am 25. August 2016
  5. 5,0 5,1 5,2 Eleonore Lappin-Eppel: Ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen in Österreich 1944, ISBN 978-3643501950, Verlag LIT, 2010, S.299
  6. Institut für Urgeschichte und Historische Archäologie, Webseite uha.univie.ac.at, abgerufen am 25. August 2016
  7. Suche nach Massengrab ergebnislos beendet auf ORF-Burgenland vom 7. Dezember 2017 abgerufen am 7. Dezember 2017
  8. 8,0 8,1 Der Verein RE.F.U.G.I.U.S., Webseite www.refugius.at, abgerufen am 21. August 2016 Referenzfehler: Ungültiges <ref>-Tag. Der Name „refugius verein“ wurde mehrere Male mit einem unterschiedlichen Inhalt definiert.
  9. Marietta Torberg 1920-2000, Webseite derstandard.at, abgerufen am 21. August 2016
  10. 10,0 10,1 Mahnmal Kreuzstadl, Webseite www.refugius.at, abgerufen am 21. August 2016
  11. Museum Kreuzstadl, Rechnitz, Webseite www.erinnern.at, abgerufen am 25. August 2016

Weblinks

 Kreuzstadl Rechnitz – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien auf Wikimedia Commons


Htlpinkafeld.png Dieser Artikel wurde 2015/16 im Zuge des Schulprojektes der HTL Pinkafeld erstellt oder maßgeblich erweitert.