Adolf Kaipel im Zweiten Weltkrieg

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Adolf Kaipel, geboren am 19. Mai 1915, war einer von sechsundneunzig Gefallenen des Zweiten Weltkrieges aus Riedlingsdorf.

Seine Zeit in der deutschen Wehrmacht ist durch eine Vielzahl von Briefen, welche die Zeit überdauert haben, gut dokumentiert.[1] Diese Briefe sind in diesem Artikel im Originalwortlaut angeführt. Die Sprache und die politische Überzeugung, welche aus den Briefen herauszulesen ist, müssen daher in ihrem historischen Zusammenhang gesehen werden. Adolf Kaipel unterschrieb viele seiner Briefe mit Heil Hitler, zumal er in den 1930er-Jahren als illegaler Nationalsozialist sogar einige Wochen im Ständestaat inhaftiert war. Andererseits ist aus vielen seiner Briefe, vor allem in jenen, die an der Front geschrieben wurden, eine große Friedenssehnsucht zu spüren. Auffallend ist auch, dass in den Briefen, die er ab Juni 1941 bis zu seinem Tode im Juli 1942 von der Ostfront an seine Verwandten schrieb, er kein einziges Mal mehr Bezug auf Hitler, sondern immer nur auf Gott nimmt. Neben Adolf Kaipel haben auch andere Personen, deren Briefe hier angeführt sind, wie Johann Nicka oder Frau Hirschberg, das Ende des Krieges nicht erlebt.

Brief von Walter Hirschberg 1984

Der Dokumentation des militärischen Schicksalsweges von Adolf Kaipel sei, etwas ungewöhnlich für Wiki-Artikel, ein Brief aus dem Jahre 1984 vorangestellt, den ein deutscher Polizeioberst an die Familie des Gefallenen schrieb. Dieser Brief löste aber eine bemerkenswerte Entwicklung aus, die bis heute noch nicht abgeschlossen ist (und schlussendlich auch zum Entstehen dieses Wiki-Artikels beigetragen hat). Er führte dazu, dass sich ein Familienangehöriger intensiv und kritisch mit der Lebensgeschichte seines Verwandten beschäftigte. Diese Faktensuche wurde im Laufe der Zeit auf die Geschichte des Ortes Riedlingsdorf ausgeweitet und mündete 2002 in einem Internetauftritt, der wiederum als Gedankenanstoß für viele andere Geschichtsinteressierte diente.[2]

„Sehr geehrte Familie Kaipel, beim Sichten und Ordnen älterer Papiere fiel mir ein Brief vom 23. Mai 1943, der damals an die Familie Hirschberg in Bad Gandersheim, Auf dem Salzberg 2, gerichtet war und den ich in Kopie beilege, weil Sie sicherlich aus der Handschrift ersehen können, wer ihn damals geschrieben hatte. Ihr Adolf Kaipel war 1939-1940 bei uns als Soldat des Hoch- und Deutschmeisterregimentes im Quartier. Ich war damals 14 Jahre alt, ein Alter, in dem Jungen zu allen Zeiten und in allen Ländern wohl ein besonders aufgeschlossenes Verhältnis zu Soldaten haben. Mit Ihrem Adolf habe ich mich jedenfalls prächtig verstanden. Auch hat er, der gelernte Tischler, mir einen Schiffsrumpf gearbeitet, da ich seinerzeit (und auch später) gern Schiffsmodelle gebastelt habe. Das betreffende Schiffsmodell hat jetzt übrigens mein 15jähriger Enkelsohn! Am 6. Juli werden es 44 Jahre her sein, daß "unser" Adolf sein Leben lassen mußte; die Nachricht von seinem Tode hat mich damals sehr erschüttert - und heute fragen wir uns oft: Für was wurden die Opfer gefordert und gebracht? Hatte alles einen Sinn und welchen? Ich selbst wurde 1942 Soldat (Kriegsmarine, Eismeer, britische Gefangenschaft in Belgien - bis 1946), desgleichen mein Vater ab 1943; im Herbst 1943 starben meine Mutter und mein jüngerer Bruder Helmut (vermutlich an einer Lebensmittelvergiftung); meine Schwester überlebte diese Familienkatastrophe, kam zu Verwandten nach Ostpreußen und erlebte dort die Schrecken des Einmarsches der russischen Truppen und später der polnischen Besatzung und Verwaltung, ehe sie 1947 ausgesiedelt wurden.“

Ausschnitt aus einem Brief aus dem Jahr 1984

„Seit 1947 bin ich selbst bei der Polizei in Niedersachsen, bin verheiratet, unsere drei Kinder sind erwachsen und vier Enkelkinder zwischen 11 und 17 Jahren bilden schon die nächste Generation. Beruflich habe ich viel erlebt, in vielen Dienststellen gearbeitet und es mit Glück (das auch der Tüchtige braucht) und Einsatz sowie einigem Fleiß bis zum Polizeidirektor (etwa Oberst) gebracht. Im Herbst dieses Jahres werde ich pensioniert.“

Ausschnitt aus eben dem Brief

„Mit diesen Zeilen wollte ich Ihnen zeigen, daß vielleicht manches vergessen wird - aber eben nicht alles. Adolf Kaipel - das ist für mich ein nicht unbedeutendes Stück Leben meiner eigenen Jugend; und dafür bin ich ihm für immer eng verbunden. Ich hoffe, daß Ihnen meine Gedanken nicht gänzlich unwillkommen waren, und verbleibe mit freundlichen Grüßen Ihr Walter Hirschberg.“

Ausschnitt aus eben dem Brief

Einberufung und Ausbildung - Dezember 1938 bis März 1939

Adolf Kaipel wurde Anfang Dezember 1938 zur 2. Kompanie des Infanterie-Regiments 131 nach Lundenburg/Břeclav einberufen. Das IR 131 gehörte zur 44. Infanterie-Division, welche nach dem Anschluss Österreichs aus Einheiten des Österreichischen Bundesheeres aufgestellt worden war.

siehe dazu: Liste der in die Deutsche Wehrmacht übergeführten Bundesheereinheiten

Im Zuge der Sudetenkrise hatte die 44. Infanterie-Division ab 1. Oktober 1938 neue Garnisonsstandorte im von der Wehrmacht besetzten Sudetenland bezogen.[3]

Am 4. Dezember 1938 schrieb Adolf Kaipel einen Brief an seine Verwandten in Riedlingsdorf.

„Meine Lieben! Seid nicht bös, daß ich mir mit meinem Schreiben solange Zeit ließ. Wir sind erst am 2. an Ort und Stelle gekommen. Von Stockerau wurden wir nach Mistelbach und am anderen Tag von Mistelbach nach Lundenburg/Südmähren ehemals Tschechoslowakei gebracht, wo wir vorläufig eingestellt wurden. Es ist alles überfüllt und ich habe vielleicht Aussicht auf eine Dienstenthebung. Sollte es nicht zutreffen, so werden wir uns sicher zu Weihnachten treffen. Wir sind nun wieder gebunden und doch muß man alles leichter nehmen. Lundenburg ist eine schöne Stadt und ich freue mich schon darauf, wenn einmal der Ausgang gestattet ist. In einer ...schule sind wir untergebracht, vorläufig. Auch eine Kaserne hinterließen die Tschechen vier Stock hoch, was den Deutschen zu hoch ist, darum wird nächstes Jahr eine neue gebaut. Viel Neues kann ich Euch nicht schreiben, sondern muß den Vers in Umwandlung treffen "Tröste Dich, alles vergeht". Sollte irgendetwas Dringendes zu Hause eintreffen, so bitte ich um umgehende Weiterleitung. Seid vorläufig herzlich gegrüßt und sei nicht traurig Mutter, Gottes Auge wacht. Heil Hitler. Euer Adolf Kaipel.“

Anfang Feber 1939 erreichte ihn ein Brief seines Bruders Samuel, in dem dieser über die Zustände in der Heimat berichtete:

„Lieber Bruder, am 9.2. haben wir unsere Musterung gehabt. Alle 13er (Anmerkung: Geburtsjahrgang 1913) sind tauglich gewesen. Wir Bauern haben bis Herbst Aufschub, die Arbeiter müssen innerhalb einer ganz kurzen Zeit einrücken. Die 14er sind auch alle eingerückt und in Oberwart und Pinkafeld ist alles voll mit Soldaten. Die werden sehr scharf hergenommen. Lieber Bruder, es wäre fast anders gekommen, denn wenn ich nicht soviel geredet hätte, hätte auch ich sofort gehen müssen, aber bis zum Herbst geht es sich sicher aus. Der Mühl Adolf ist ganz untauglich. Wir grüßen Dich nochmals auf das Herzlichste. Schreibe uns bald wieder wie es Dir geht. Mit Gruß Samuel. Heil Hitler.“

Im gleichen Monat erhielt er von seinem besten Freund, Hans Nicka, einen Brief, welcher ebenfalls die Zustände in der Ortschaft Riedlingsdorf beschrieb (Inhalt gekürzt):

„Lieber Kamerad! Nach langer Zeit komme ich doch einmal dazu, Dir einige Zeilen zu schreiben....Und lieber Kamerad, das ist noch nicht die ganze Arbeit, dann habe ich in der Ortsgruppe immer zu tun und obendrauf habens mir jetzt vor 14 Tagen noch die Ortsleitung der NSV angehängt. Wenn man sich auch dagegen wehrt, bekommt man nur zur Antwort, ein Parteigenosse sagt zu nichts nein, es gibt nur ein Ja. Du wirst es ja selber wissen, wenn jemand mit einer Arbeit kommt, so sage ich selten nein. Dem K. habens die NSV entzogen, (Anmerkung: Am 7. August 1938 wurden in der Oberwarter Sonntags-Zeitung die NSV-Ortsgruppendienstleiter des nunmehrigen Kreises Oberwart veröffentlicht. Für Riedlingsdorf enthielt die Liste den Eintrag: Nicka Johann, Riedlingsdorf 37)[4] weißt es ohnehin wie er es immer gemacht hat, meistens betrunken usw. Es wäre mir lieber gewesen, wenn jemand anderer gewesen wäre, aber über diesen Beruf wagt sich niemand...Lieber Kamerad sonst ist in der Ortsgruppe ein großes Durcheinander, es sind nur immer Streitigkeiten und Raufereien. Wer früher unsere besten Kameraden waren, sind heute die schlechtesten. Näheres wird Dir ja sowieso Dein Bruder geschrieben haben. Lieber Kamerad, sei nicht bös, daß ich nicht geschrieben habe, es ging mit bestem Willen nicht. Hoffentlich sehen wir uns bald wieder. Heil Hitler! Dein Kamerad Johann.“

"Zerschlagung der Rest-Tschechei" - März 1939

Die Ausbildung der Rekruten bei den neu aufgestellten Einheiten des deutschen Heeres wurde jäh unterbrochen, als für den 14. März 1939 der Sondermobilmachungsfall Schneeglöckchen bekanntgegeben wurde. Nachdem Hitler bereits im Oktober 1938 das Sudetenland hatte besetzten lassen, sollte nun die Zerschlagung der Rest-Tschechei erfolgen.

Auch die Einheiten der 44. Infanterie-Division wurden in Marsch gesetzt und überschritten am Morgen des 15. März die Demarkationslinie bei Lundenburg. Die Einheiten des IR 131 (mit Adolfs 2. Kompanie) bildeten die Vorhut der Division. Der Einmarsch verlief friedlich und nur das schlechte Wetter machte den deutschen Soldaten schwer zu schaffen. Das Tagesziel wurde aber trotz der widrigen Umstände erreicht und bereits am nächsten Tag stießen die vordersten Einheiten der 44. Infanterie-Division auf deutsche Truppen, die von Schlesien aus in die Tschechoslowakei einmarschiert waren. Die Division stellte daher ihren Vormarsch ein und nach einigen Tagen der Ruhe verlegte man die Einheiten wieder in ihre Friedensstandorte zurück. Die Deutsche Wehrmacht hatte noch einmal Glück gehabt, denn ein Teil der eingesetzten Verbände befand sich noch mitten in der Ausbildung. So hatten vor allem die Soldaten, welche die schweren Waffen bedienen sollten, in ihrer kurzen Ausbildung noch keinen einzigen scharfen Schuss abgegeben.[5]

Am 30. März schrieb Maria, die Schwester von Adolf Kaipel, an ihn einen Brief, der hier gekürzt wiedergegeben wird:

„Lieber Bruder! Haben Deinen Brief mit großer Freude erhalten und danken Gott, der Euch froh und gesund geleitet hat. Lieber Bruder, Du kannst Dir nicht vorstellen, welche Sorgen wir gehabt haben, wie wir von dieser Unruhe erfaßt wurden. Um 7 Uhr ist die Irma herüber gelaufen und hat gesagt, daß um 1/2 8 Uhr eine wichtige Sondermeldung gesendet wird. Wir ahnten nicht worum es sich handelt und wir waren sehr gespannt, als wir horchten. Wir weinten bei jedem Wort, denn wir dachten gleich, daß es mit Euch jetzt geschehen ist. Die Mitzerl ist weinend zur Schule gegangen und ich mußte ihr viel zureden: "Der liebe Gott wird den Adolferl schon schützen." Damit hat sie sich getröstet. Die Mutter ist vor Angst krank geworden. Erst auf Deine Karte hin ist sie aufgestanden. Die Hausfrau ist weinend in die Kirche gegangen, um weinend für ihre Lieben zu beten. Lieber Bruder, Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie hart es zu Hause ist, wenn man einen Freund an einem solchen Ort hat. Von der Hausfrau müssen jetzt wieder zwei Söhne einrücken. Jetzt sind es also schon vier Söhne dieser Mutter. Du kannst Dir denken, daß kein Tag vergeht, an dem nicht von Euch gesprochen wird. Auch sehen wir jeden Tag viermal singend unsere Soldaten vorbeimarschieren. Da sehen wir Euch immer im Geist mit dabei. Die Mutter sagt, daß sie Dich jeden Tag im Radio singen hört. Also kurz und gut wir danken Gott und unserem Führer, die alles so weislich geordnet haben.“

Am gleichen Tag schrieb Adolf einen Brief mit Absendeort Wessely an seine Verwandten in Riedlingsdorf.

„Liebe Mutter! Gott zum Gruß und Dir zur Freude schreibe ich Dir diese paar Zeilen und bitte um Entschuldigung mit meinem lang erwarteten Schreiben so lange gewartet zu haben. Es ist doch so schön, auch für einen Soldaten, an die Heimat zu denken. Ich weiß, liebe Mutter, daß Du Dir Sorgen machst ... Daß Du glücklich warst, wenn sich Deine Kinder um Dich scharrten und Dein Glück teilten. Nun hatte das Schicksal es anderes gewollt. Laß aber die Sorgen, Mutter. Ich weiß, daß es schwer ist. Man kann schließlich mit dem Schicksal der Vorsehung nicht rechnen. Es heißt sich zu fügen. Auch die Ostern kommen näher. Es scheinen schöne Ostern zu werden, aber nicht daheim wo deutsche Lieder gesungen werden sondern im Herzen der Tschechei. Es ist mir hier ganz gut gegangen. Sind notdürftig in einem Meierhof untergebracht. Lieber Mutter, der Samuel schrieb mir. Was wird das Jahr 1939 noch alles bringen? Als der Bruder den Brief schrieb, bereiteten wir uns schon vor und am Mittwoch, Ihr werdet erst wach geworden sein, eilten wir mit unseren Waffen unseren Brüdern in der Tschechei zur Hilfe. Man weiß nicht und es ist auch fraglich, ob es so bleibt. Es ging ein rauher Wind, kleine Schneeflocken spielten sich um unseren ... und ... aber mit festem Schritt zog die Infanterie auf der Straße dahin mit dem Lied "Graue Soldaten ziehen auf der Straße, weit von der Heimat entfernt." Erst dann versteht man den Sinn von Liedern, wenn man wirklich diese Umstände miterleben muß. Was steht uns noch bevor und was werden wir noch erleben müssen, und das alles um die Heimat vor einer Verwüstung zu schützen. Wenn der Führer befiehlt und wir folgen, kann vor einem deutschen Heer kein Schranken gesetzt werden. Im Gegenteil, wir werden das Vordringen derer unterbinden. Nun muß ich mein Schreiben schließen. Neuigkeiten kann ich Euch nicht schreiben. Schreibt mir viele Neuigkeiten. Mit herzlichen Grüßen an die Mutter und alle Euer Adolf Kaipel“

Auch dieser Brief enthielt sowohl ein Bekenntnis zu den Zielen Adolf Hitlers als auch Beschwichtigungen für die Angehörigen zuhause.

Die Tschechoslowakei hatte als Staat aufgehört zu bestehen. Es entstand die Erste Slowakische Republik, die formal zwar unabhängig war, praktisch hingegen als Satellitenstaat des Deutschen Reiches von Hitlers Gnaden abhängig war. Die historischen Gebiete von Böhmen und Mähren fasste die nationalsozialistische Verwaltung im Protektorat Böhmen und Mähren zusammen. Als Reichsprotektor übernahm noch im März 1939 Konstantin von Neurath seinen Dienst, dem dann im September 1941 mit Reinhard Heydrich ein maßgeblicher Organisator des Holocaust folgen sollte.

Letzte Kriegsvorbereitungen - März bis August 1939

Die Monate Mai und Juni wurden bei der 44. Infanterie-Division wieder intensiv für die Ausbildung der Rekruten genutzt. So machten die Soldaten Bekanntschaft mit einigen österreichischen und deutschen Truppenübungsplätzen (z.B. Döllersheim/Allentsteig). Anfang Juni verlegte die Division in den Raum Fridek-Mistek an die polnische Grenze, wo Feldbefestigungen angelegt und taktische Übungen abgehalten wurden. Besonders wertvolle Erfahrungen sammelte die Divisionsführung beim Transport der Einheiten durch die Bahn, schließlich wurden für die Verlegung einer Infanterie-Division bis zu 75 Güterzüge benötigt. Nach dieser Ausbildungszeit an der Grenze ging es wieder zurück in die Friedensstandorte und viele Soldaten erhielten noch einmal Urlaub.[6]

Während dieser Ausbildungszeit, am 21. Mai, schrieb Adolf Kaipel diesen Brief an seine Verwandten:

„Meine Lieben! Wir sind seit gestern wieder in Lundenburg. Haben einen Marsch hinter uns, den wir Gott sei Dank überstanden haben. In drei Marschtagen mußten wir 165 km meistern, die sehr müde Glieder hinterließen. Am vorletzten Tag hatten wir auf freiem Feld unter einem Zeltdach nur drei Stunden Schlafpause und um 12 Uhr nachts war plötzlich Alarm. Wir krochen aus unserem Zeltdach, rein in die Stiefel, bauten das Zeltdach ab, packten unseren Tornister und nach 35 Minuten waren wir schon über alle Dächer. Ich glaube, mancher der langsam spannt, kommt nicht einmal mit dem Schauen mit. Seid nicht bös, daß ich leider nicht kommen kann, was mir selbst sehr unangenehm ist, da ich noch fest hoffte zu den guten Kirschen zurückzukommen. Bis ich komme, werden sie leider nicht mehr sein. Es ist jetzt 3/4 1 Uhr. Wir kommen erst vom Bierabend, wo es sehr heiter war. Die Urlauber bleiben gleich auf und ich gehe schlafen. Gebt meinem Kameraden für mich, wenn es möglich ist, eine Kirschenstrudel mit und seid nicht böse wegen der Wäsche. Ob ich komme, bevor wir an die polnische Grenze verlegt werden, ist noch fraglich, obwohl es mir versprochen wurde. So grüße ich Euch auf das Herzlichste. Euer Adolf Kaipel.“

Polenfeldzug und Besatzung - September bis November 1939

Am 1. September 1939 begann um 4.45 Uhr mit dem Überfall auf Polen der 2. Weltkrieg. Die 44. Infanterie-Division überschritt als Teil der 14. Armee, die zur Heeresgruppe Süd gehörte, die Grenze. Gegen Mittag hatte sie durch einen Artillerieangriff ihren ersten Toten, der zufälligerweise ausgerechnet ein Unteroffizier aus Adolf Kaipels 2. Kompanie war.[7] Bis zum 7. September stieß die Division bis Krakau vor. Am 15. September überschritt das IR 134, eines von zwei Schwestern-Regimentern des IR 131, über eine Kriegsbrücke den San und marschierte dabei an Hitler vorbei, der mit seinem Stab den Übergang beobachtete.[8]

Während die Deutsche Wehrmacht weiter nach Osten vordrang, zerfiel die polnische Armee immer mehr. Es kam dabei aber trotzdem zu schweren Kämpfen, vor allem dann, wenn eingeschlossene polnische Einheiten mit dem Mute der Verzweiflung gegen die deutschen Divisionen anrannten. Auch das IR 131 wurde am 18. und 19. September in heftige Kämpfe verwickelt, die 60 Soldaten das Leben kosteten. Am 18. war die Panzerjäger-Kompanie des Regiments als Vorhut nach Jasniska, ein Dorf rund 14 km nordwestlich von Lemberg, vorgedrungen. Wie sich bald herausstellte unterbrach sie dadurch den Rückzugsweg einer polnischen Division, sodass am nächsten Tag das ganze Infanterie-Regiment 131 antreten musste um die eingeschlossenen Kameraden zu befreien und die durchbrechenden polnischen Einheiten gefangen zu nehmen. Dieser blutige Kampf fand auch in den Briefen von Adolf Kaipel seinen Niederschlag.[9]

Das Schicksal von Polen war mit dem Einmarsch der Roten Armee ab 17. September endgültig besiegelt. Die Sowjetische Besetzung Ostpolens führte dazu, dass die weit vorgeprellten deutschen Divisionen auf die im Hitler-Stalin-Pakt ausgehandelte Demarkationslinie zurückgenommen werden mussten. Die 44. Infanterie-Division führte ihre Einheiten ab 22. hinter den San bei Jaroslaw zurück. Dort sicherten die Regimenter entlang des Sans die neue Grenze zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion.

Zwischen 26. und 29. September schrieb Adolf Kaipel noch ganz unter dem Eindruck des Gefechtes bei Jasniska eine Reihe von Briefen an seine Verwandten.

„Lieber Bruder! Habe Deine Karte mit Freuden erhalten. Sitze nun auf einem Büschel Stroh mit einem Bleistift und Papier, um auf Deine gütigen Worte zu antworten. Glaube mir, es ist ein Gefühl, das man erst begreift, wenn man es selbst erlebt hat, wie wunderbar es ist, wieder Heimatpost zu bekommen. Bruder, die Tage werde ich nicht vergessen und bin dennoch glücklich, daß Euch nicht auch noch dasselbe Schicksal trifft. Wie doch das Leben ein Traum ist, dies ist mir erst jetzt richtig bewußt geworden. Vergiß nicht das Lied 'Ich hat einen Kameraden'. Niemals ruhig auf einem Platz, immer vorwärts. Jeden Tag 35 bis 40 km auf den Beinen, dazu das Geknatter der Maschinengewehre, das Knallen der Geschütze und das Getöse der Kanonen. Am Wegesrand die Gräber, die Verwundeten und Toten, brennende Häuser. Kein anderer Wunsch kann einen befallen, die himmlische Vorsehung möge unser Gebet erhören und wieder Friede auf Erden senden. Lieber Bruder, mache Du das Deinige und ich mache das Meinige, nicht jeder für sich, nein es soll gemeinnützig sein, denn die vorderste Linie kennt keinen Eigennutz. So grüßt Dich, Deine Frau und Kinder aus dem fernen Galizien Adolf.“

„Liebe Schwester, Schwager und Nichten! Deine Worte, liebe Schwester, die mir einige Tränen kosteten, las ich der galizischen Nachtkälte beim Schein der Feldküche. Ihr seid so gut zu mir und ich sehe Dich, Sepp, Mitzerl und die Kleine in ihrem Wagen vor mir wie wir damals Abschied genommen haben. Immer wieder fragte ich mich, als ich in der Marschkolonne mitmarschierte, ob ich wirklich nur für das Vaterland ausersehen bin. Alles half nichts, wir mußten vor. Liebe Schwester, ich tröstete mich damit, daß ich so viele Menschen zu Hause habe, die mir so lieb sind wie mein eigenes Leben, für die ich gerne kämpfe. Wenn ich heute an Dich schreibe, liebe Schwester, so bitte ich Dich innigst, steh der Mutter bei. Tröste Sie und rede Ihr so manches aus. Ich komme doch wieder, es ist unnötig sich Gedanken zu machen. Ob nun auch England alles daransetzt den Frieden uns zu nehmen, der liebe Gott wird unser Gebet erhören und friedlich dem Führer sein Werk vollenden lassen. Eine Viertelstunde zu früh marschierten wir durch Jaroslaw an die Front, sonst hätten wir die Gelegenheit gehabt, den Führer zu sehen und an ihm vorbeizumarschieren. Tun wir das beste, beten wir zu Gott. Er möge der Welt den Frieden geben. Schreibe mir bald, liebe Schwester, und verzeih, daß ich nicht mehr schreibe, doch mündlich werden wir uns viel zu erzählen haben. Auf ein baldiges Wiedersehen mit den besten Grüßen aus Galizien. Euer Adolf.“

Die im Brief angeführte Hoffnung, dass Gott dem Führer sein Werk friedlich vollenden lassen solle, klingt angesichts des heutigen Wissensstandes unglaublich.

„Liebe Mutter! Gott zum Dank und Dir zur Freude sollen diese wenigen Zeilen gelten. Verzeih, wenn die Antwort auf Deine lieben Worte so lang ausblieb. Habe Deinen Brief erst am 19. (Anmerkung: Gefecht in Jasniska) erhalten. Ich werde diesen Tag nicht vergessen, er war doch so wichtig. Nach schwerem Ringen mit hungrigem Magen in den späten Abendstunden gab mir ein Kamerad von der Mutter einen Brief. Worte, die so gottvertraut waren, gaben mir frischen Mut. Kränke Dich nicht, liebe Mutter, lenke weiterhin Dein Vertrauen auf Gott. Deine Worte, Dein Gebet stand mir im schwersten Ringen bei. Die himmlische Vorsehung wird uns doch erhören und endlich wieder den Frieden auf Erden senden. Wir mußten große Strapazen aushalten. 600 km zu Fuß in Polen nordöstlich von Lemberg war unser letztes Gefecht. Das Gebiet ist nun bereits russisch. Es ist eine arme Gegend, so arm wie unsere Heimat vor 100 Jahren war. Alles ist leer, man kann nichts kaufen. So muß man sich mit dem Kommiß begnügen. Zu Hause geht es anders zu, Erdäpfel graben, Felder abräumen und vielleicht ein wenig Most machen. Samuel soll einen guten Most machen. Möge uns doch das Wiedersehen glücklicher machen als der Abschied. Wer dachte sich, daß sich so eine große Lücke auftut, die hoffentlich, Gott sei Dank, schon überwunden ist. So grüße und küsse ich Dich in weiter Ferne. Auf ein baldiges Wiedersehen. Adolf“

„Lieber Bruder und Schwägerin! Nach schweren Tagen, die Ihr, wie ich glaube, auch nicht leicht befunden habt, schreibe ich einige Zeilen. Wer hätte geglaubt, daß sich so grauenhafte Klüfte auftun, als wir voneinander Abschied nahmen. Oft, wenn ich in eisig kalter Nacht Wache stand, oder wenn nach unmenschlichem Marsch meine Glieder auf hartem Stein ein Quartier fanden, dann lieber Bruder sah ich Dich weinend, die Mutter und die Mitzerl in meiner Begleitung und den Adolf unschuldig in seinem Wagen liegen. Ich mußte fort als Soldat im Kampf für mein Vaterland. Kameraden, die mit mir oft zum Appell antraten, die wehmütig von ihren Lieben Abschied nahmen, wurden aus dem Leben gerissen, wie das Lied, das Du oft gesungen hast, lautet "Er nahm die Büchse, schlug sie an den Baum und sprach das Leben ist ja nur ein Traum." Lieber Bruder, der liebe Gott möge uns den Frieden senden. Er möge diese Zustände abwenden, denn Dir soll dieses Schicksal nicht beschieden sein. Ich wäre unglücklich gewesen, wenn sich auch einer meiner Brüder in dieser Lage befunden hätte. Viel hätte ich zu erzählen, aber schreiben kann man so etwas nicht. Mach Du in der Familie das Deine, lieber Bruder, und ich mach das Meine für Volk und Vaterland. Wir befanden uns acht Kilometer vor Lemberg, das heute bereits russisches Gebiet ist. Gott sei Dank sind wir nun im Quartier in der Nähe von Jaroslaw, um uns einigermaßen zu erholen. So grüßt und küßt Euch alle aus dem fernen Galizien. Euer Adolf“

Anfang Oktober erhielt er einen Brief von seiner Schwester Maria. Neben ihren Sorgen beschrieb sie darin auch die Stimmung, die zuhause herrschte.

„Lieber Bruder! Vor allem Gott sei Dank, daß wir wieder ein Lebenszeichen von Dir erhalten haben. Lieber Bruder, auf Deinen Brief haben wir schon mit Schmerzen gewartet. Wir haben ihn am 1. am Erntedanktag nachmittags erhalten. Die Mutter war am Vormittag in der Kirche. Es wäre alles schön gewesen, man mußte dem lieben Gott wirklich danken, aber der Gedanke an Dich, lieber Bruder, schmerzte uns bitterlich. Alle haben eine Antwort erhalten. Nur wir nicht. Es war fast nicht mehr auszuhalten. Die Mutter sagte: "Komm schnell herunter, wenn Du vom Adolf etwas hörst." Am Nachmittag sagte die Hausfrau, daß sie schon wieder einen Brief (Anmerkung: von einem ihrer vier eingezogenen Söhne) erhalten habe. Ich stand hinter dem Holzstoß und sagte weinend unter Tränen, daß Du nicht mehr lebst. Aber wenn die Not am größten ist, dann ist Gottes Hilfe am nächsten. Der Briefträger kam in dem Moment, in dem ich das gesagt habe. Es sagte, daß Du lebst! Stelle Dir vor, welche Freude! Die Traurigkeit wurde in Freude verwandelt. Ich lief mit dem Brief in die Küche und mußte mich, bevor ich den Brief las, erst recht ausweinen. Die Mitzerl strampelte vor Angst und weinte und schrie: "Mutti! Was ist dem Adolf geschehen?" Wir machten uns auf der Stelle, wie vom Feind getrieben, auf dem Weg zur Mutter. Und dann, lieber Bruder, haben wir erst recht den Erntedanktag gefeiert. Lieber Bruder, wir werden nicht aufhören mit dem Bitten und Beten, bis wir Dich wieder in unsere Arme schließen können. Der liebe Gott soll Dich beschützen und behüten, wohin Du gehst und wo Du stehst. Unsere Herzen, lieber Bruder, bluten um Dich und um alle, deren Lieben auf dem Felde blieben. Es sind wohl noch viele undankbare Menschen hier. Aber wir werden alles aushalten und durchstehen, wenn nur Ihr gesund bleibt. Es wird wohl wenig gearbeitet. Kleider und Lebensmittel gibt es genau nach Karte, aber Menschen, die ein Herz haben, erdulden es, wenn es heißt 'zum Schutze unserer Soldaten'. Lieber Bruder, auch vom Herrn Pfarrer werden alle, die seiner Kirche angehören, ein Schreiben bekommen. Er betet jeden Sonntag für Euch in der weiten Ferne. Die Bekannten leben alle noch, aber von denen aus der Kaserne, die mit dem ersten Zug abgegangen sind, sind drei gefallen. Der Hartnagel und noch zwei andere. Auch von unseren Nachbardörfern ist hie und da einer gefallen. Lieber Bruder, sonst kann ich Dir nicht viel schreiben. Lasse bald wieder von Dir hören, auch wenn es nur eine Karte mit drei Worten ist. Zum Schluß noch viele Grüße von uns allen an Dich, lieber Bruder. Deine Schwester, Schwager und Nichten.“

Die Briefe von Adolf Kaipel sind seit 2002 im Internet für jedermann verfügbar.[10] Am 17. Oktober 2003 schrieb ein Amerikaner mit polnischen Wurzeln ein Mail an den Großenkel von Adolf Kaipel, dem Betreiber der Webseite.[11] Der Verfasser des Mails beschrieb darin den Schicksalsweg seines Vaters im 2. Weltkrieg, der auch am Gefecht bei Jasniska teilnahm und dort schwer verwundet wurde. Das Mail wird gekürzt wiedergegeben:

„Am 1. September 1939 brach der Krieg aus, als Adolf Hitler in Polen einmarschierte. Mein Vater erinnert sich von der Invasion durch einen höheren Offizier gehört zu haben, der sie informierte, dass sie sehr bald gegen den Feind kämpfen würden. Dies war einige Tage nachdem der Krieg ausgebrochen war. Seine Einheit war zu dieser Zeit ungefähr in der Mitte zwischen Przemysl und Lwow (Lemberg), in der Nähe von Jasniska. Sehr bald wurde es klar, dass es eine Schlacht mit den Deutschen geben würde, als sie von Artillerie und Flugzeugen angegriffen wurden. Am Morgen des 12. oder 13. September 1939 (ich kann mich nicht genau erinnern, welches Datum mein Vater mir genannt hat) kam die Einheit meines Vaters, nachdem sie während der Nacht ein schweres Bombardement durch deutsche Bomber und Artillerie erdulden musste (mein Vater sagte, dass es so schrecklich war, dass sogar Atheisten in seiner Einheit nach Jesus Christus um Rettung flehten), aus einem Waldgebiet in der Umgebung von Jasniska und fuhr zwischen die deutschen Linien. Mein Vater und sein Freund Adam bedienten eines der Maschinengewehre dieser Einheit. Sie wussten, dass sie vielleicht nicht den kommenden Tag überleben werden und haben daher ihre persönlichen Daten ausgetauscht. Sie haben sich einander versprochen, dass sie im Fall des Todes die jeweilige Familie benachrichtigen würden. Der Kampf begann und bald flogen Geschosse durch die Luft. Sehr bald wirkte sich die Überlegenheit der Deutschen an Feuerkraft und Mannschaftsstärke aus und immer mehr polnische Soldaten fielen. Mein Vater und Adam hatten auf die Deutschen von einem Platz hinter einem Baum gefeuert, aber Adam meinte, dass es besser wäre die Stellung nach vor zu verlegen, um ein besseres Schussfeld zu bekommen. Mein Vater dachte, dass dies eine schlechte Entscheidung ist, aber trotzdem folgte er seinem Freund. Wie es sich herausstellte, war es richtig, dass er Zweifel hatte, denn kurz nachdem sie sich nach vor bewegten, wurde Adam in den Kopf getroffen und war sofort tot. Mein Vater hatte kaum Zeit den Schock über den Tod seines Freundes zu verarbeiten, als auch ihn ein Geschoss traf, das ihn in die Hüfte traf, durch den Körper ging und bei der anderen Hüfte wieder austrat. Es war eine besonders schwere Wunde und mein Vater glaubte, dass er sterben muss. Tatsächlich wäre er wahrscheinlich gestorben, wenn die Wunde nicht behandelt worden wäre. Wie auch immer, als das Feuer eingestellt wurde, und das was von den polnischen Kräften übrig geblieben war entweder gefangen genommen oder entkommen (oder getötet) war, näherte sich ein deutscher Soldat mit seinem Gewehr im Anschlag. Er muss sehr überrascht gewesen sein, als mein Vater ihm trotz seiner Schmerzen in Deutsch mitteilte (eine Sprache, die er in Silesia/Schlesien gelernt hatte, als seine Familie dort lebte, während mein Großvater in den Kohlenminen arbeitete). Er bat um Wasser und medizinische Hilfe. Der Deutsche, nachdem er für einen Moment gezögert hatte, sagte schließlich so etwas wie 'das ist eine gute Zeit mich um einen Gefallen zu bitten. Du hast erst vor wenigen Minuten auf mich geschossen.' Dennoch hängte er sein Gewehr um und irgendwie halb geschleppt und halb getragen brachte er meinen Vater zu einem deutschen Feldlazarett. Er sah den Deutschen nie mehr wieder.“

„Einige Tage später marschierten die Russen in Polen ein. Die Deutschen zogen sich aus der Gegend um Lemberg zurück und ließen meinen Vater in russischer Hand. Er war immer noch sehr böse verletzt und konnte sich nicht bewegen. Ironischerweise hat diese Wunde vermutlich sein Leben gerettet, da Offiziere, die sich in Lemberg ergeben haben, eventuell in Katyn ermordet und einfache Soldaten in Arbeitslager nach Sibirien verschickt worden sind. Er verblieb in russischer Hand bis ungefähr April/Mai 1941. Es dauerte eine lange Zeit bis er sich von seiner Verwundung erholt hatte. Dann wurde er mit einigen anderen verwundeten Soldaten ausgetauscht und fiel wieder zurück in deutsche Hände. Er konnte schließlich nach Hause gehen. Seine Familie hatte bis zu diesem Zeitpunkt geglaubt, dass er bei den Kämpfen getötet worden sei. Nachdem er einige Zeit als Zwangsarbeiter bei der Eisenbahn gearbeitet hatte (die Deutschen hatten die Invasion in Russland vorbereitet), wurden er und seine gesamte Familie nach Österreich deportiert. Er verbrachte den Rest des Krieges in Österreich, an einem Ort genannt Oberefellach (vermutlich Obervellach/Kärnten), um für einen Bauern mit dem Namen Franz Pacher zu arbeiten. Es war dort, wo er meine Mutter traf, die auch als Sklavenarbeiterin von Südpolen deportiert worden ist.“

Während die Divisionsgeschichten deutscher Einheiten, die meist nach dem Ende des Krieges von ehemaligen Angehörigen dieser Verbände erstellt wurden, meist keinerlei Informationen über eigene Kriegsverbrechen enthielten, lieferte die Geschichte der 44. Infanterie-Division einen zumindest indirekten Hinweis darauf, dass beim Vormarsch der Wehrmachtsverbände in Polen nicht alles "sauber" vonstatten ging.[12]

„Das schönste Lob, das der wegen seiner ruhigen und vornehmen Art beliebte Kommandeur (Anmerkung: Generalleutnant Schubert) bei Scheiden seiner Division spenden konnte, bestand in der Feststellung, stolz auf seine Truppe zu sein, die in diesem Feldzug trotz manchem harten Einsatz immer bestrebt war, Menschlichkeit zu bewahren und das Hab und Gut der bedauernswerten Bevölkerung zu schonen. Vergleiche mit benachbarten Kampfgebieten mögen dem scheidenden Kommandeur in dieser Feststellung bestärkt haben.“

Tatsächlich herrschte in den ersten Tagen des Feldzuges unter den kriegsunerfahrenen deutschen Soldaten extreme Nervosität. Es kam daher immer wieder zu Schießereien, ohne dass es dafür einen konkreten Anlass gab.[13] Verschärft wurde diese Stimmung oft dadurch, dass sich die polnischen Soldaten meist nicht in einer offenen Feldschlacht stellten, sondern die vorrückenden Wehrmachtsverbände in Nachhutgefechten versuchten aufzuhalten. Die Ängste der deutschen Soldaten entluden sich daher oft in einer Art Freischärlerwahn, indem man polnischen Zivilisten unterstellte als Freischärler aus dem Hinterhalt die deutschen Truppen bekämpft zu haben.[14] Die deutschen Soldaten reagierten dann oft spontan und liquidierten die vermeintlichen Schützen unter der Zivilbevölkerung, ohne vorher den Fall genau untersucht bzw. ihn an die vorgesetzten Dienststellen zur Untersuchung weitergeleitet zu haben.[15]

Eine dieser Divisionen, der nach dem Krieg von polnischer Seite die Tötung unschuldiger Zivilisten zur Last gelegt wurde, war die 3. Gebirgs-Division. Diese Division war parallel zur 44. Infanterie-Divison 1938 aus ehemaligen Einheiten des Österreichischen Bundesheeres entstanden. Da es sich dabei hauptsächlich um Verbände aus Kärnten und der Steiermark gehandelt hatte, dienten auch viele Südburgenländer bei dieser Divison. Auch Adolf Kaipels Bruder Samuel sollte 1940 zum Gebirgs-Jäger-Regiment 139 nach Klagenfurt eingezogen werden.

Während des Polenfeldzuges gehörte die 3. Gebirgs-Divison zum XVIII. Gebirgs-Korps. Ein Offizier der Korps-Nachrichten-Abteilung 70, die zu den Korpstruppen des XVIII. Gebirgs-Korps gehörte, machte am 2. September die nachfolgenden Beobachtungen, als der Korpsstab einen Stellungswechsel von Jabłonka nach Rabka machte und dabei in der Vormarschraum der 3. Gebirgs-Division gelangte:

„Die Vormarschstraßen der Division sind deutlich zu erkennen. An endlosen Kolonnen und brennenden Häusern fahren wir vorüber, der Front zu..... Tote polnische Zivilisten liegen in den bizarrsten Verrenkungen im Acker neben der Straße. Spione und Heckenschützen. Alle sehen hin, bemerke ich, jedoch kaum einer verzieht das Gesicht. 'Krieg', denkt jeder.[16]

Das von der Wehrmacht eroberte Gebiet wurden Anfang Oktober 1939 im sogenannten Generalgouvernement zusammengefasst. Die nationalsozialistische Verwaltung verlor keine Zeit und nur drei Wochen nachdem Adolf Kaipel seine Briefe nach Hause geschrieben hatte, rollten bereits die ersten Deportationszüge in das besetzte Polen. Der spätere Hauptorganisator des Holocausts, Adolf Eichmann, hatte den sogenannten Nisko-Plan ausgearbeitet, der die Errichtung eines Barackenlagers am Fluss Nisko durch verschleppte Juden vorsah. Unter anderem wurden im Zuge dieser Aktion mit Ernst Steiner, Alexander Grünwald und Nathan Kornfeind auch drei Angehörige der Jüdischen Gemeinde Oberwart depotiert. Da es sich bei Oberwart um die Nachbargemeinde von Riedlingsdorf handelt, könnte es ohne weiters auch sein, dass Adolf Kaipel den einen oder anderen dieser Menschen gekannt hatte. In weiterer Folge scheiterte Eichmanns Plan zwar, aber er hatte damit eine weitere Eskalationsstufe bei der Vernichtung des europäischen Judentums erreicht.

siehe dazu: Jüdische Gemeinde Oberwart, Geschichte der Juden im Burgenland

Erster Kriegswinter in Niedersachsen - November 1939 bis Mai 1940

Die Soldaten der 44. Infanterie-Division rechneten damit, dass sie an den Westwall verlegt werden würden. Diese Verteidigungsanlage war zum Zeitpunkt des Polenfeldzuges nur mit schwachen deutschen Einheiten besetzt, da sich die Masse des Heeres in Polen aufhielt. Als Frankreich und England am 3. September 1939 den Deutschen den Krieg erklärten, glaubten viele, dass nun Deutschland in einen Zweifrontenkrieg hineingezogen werden würde. Die Westmächte ließen den Schwächemoment der Deutschen jedoch ungenützt vorüberziehen und nach dem Ende des Feldzuges in Polen wurden sofort die meisten deutschen Kampfdivisionen, die nun Kriegserfahrung gesammelt hatten, in den Westen verlegt. Dort saßen sich nun Deutsche und Franzosen bzw. Engländer in ihren Verteidigungsstellungen gegenüber. Lokale Spähtruppunternehmen führten zwar gelegentlich zu Schießereien, auch gab es immer wieder Unfälle, doch waren es für die eingesetzten Soldaten, ganz allgemein gesehen, ruhige Monate. Diese Zeitspanne zwischen den Feldzügen wurde daher auch Sitzkrieg genannt.

Die Transportzüge der 44. Infanterie-Division fuhren ab 14. September hingegen zur Freude der Soldaten nicht an den Westwall sondern in Richtung Norden nach Niedersachsen, wo die Männer im Raum zwischen Harz und Weser in kleinen Städten und Dörfern untergebracht wurden. Der Regimentsstab und das I. Bataillon des IR 131 zogen in Bad Gandersheim unter. Die Soldaten der Division wurden von der Bevölkerung herzlich empfangen und alle kamen ausschließlich in Einzelquartieren unter, so dass fast jede Familie ihren "eigenen" Soldaten bekam. Die niedersächsischen Quartiergeber und die Soldaten aus Niederösterreich und Wien verstanden sich auf Anhieb prächtig. Verschiedene Kompaniefeste und Bunte Abende trugen dazu bei, dass sich zwischen Gastgebern und Gästen aufrichtige Freundschaften entwickelten.[17] Adolf Kaipel kam bei der Familie Hischberg unter mit deren Sohn Walter er eine Freundschaft schloss.

Johann Nicka, Adolf Kaipels Freund aus Riedlingsdorf, schrieb ihm bis zum Jahresende einige Briefe von seinem Einsatz am Westwall an den es ihn und einige andere Riedlingsdorfer hin verschlagen hatte. Neben Beschwörungen auf die Treue zum Führer enthielten die Briefe wieder kritische Aussagen über die Zustände in der Heimat.

„Lieber Kamerad! Endlich habe ich von Dir die Adresse bekommen. Hoffentlich bist Du noch immer sehr gesund. Du wirst bis jetzt bestimmt schon viele schwere Stunden und Tage erlebt haben wie ich. Hoffentlich ist Dir der Allmächtige jederzeit beigestanden, daß Dir kein Leid zugestoßen ist. Lieber Adolf, mir geht es bis jetzt noch immer sehr gut und gesund bin ich auch noch immer. Wir sind auch im Altreich gerade in entgegengesetzter Richtung wie Du, an dieser Stelle wohin jetzt die ganze Aufmerksamkeit gelenkt wird. Bis jetzt können wir von einem Krieg wohl noch nicht viel sagen. Wir sind bei den Bauern im Quartier fast jeder allein. Wir haben schöne Betten, die Leute sind sehr entgegenkommend und kameradschaftlich. Es ist ein großer Unterschied von zu Haus und hier. Die Quartiergeber schauen auf uns wie Eltern. Die Arbeit ist nicht zu anstrengend, manchen Tag heißt es wohl schon um 4 oder 5 Uhr heraus, das macht man aber gern, wenn der Krieg nur so zu vollenden wäre. Es sind auch noch andere Riedlingsdorfer bei meinem Bataillon: Huber Karl, Schranz Tobias, Fleck Adolf, Weiß Pep, Binder Michael und Arthofer Johann (Ortbau). Bei uns sind meistens Reservisten, nur die Chargen sind aktiv. Lieber Adolf, ich habe öfters an Dich gedacht, am liebsten wäre ich bei Dir gewesen. Bevor ich eingerückt bin, habe ich schon an Dich gedacht. Einige Riedlingsdorfer sind um vier Tage vor mir eingerückt. Diese paar Tage wären aber bald nicht auszuhalten gewesen. So oft mir jemand begegnete, fragten sie mich, ob ich noch zu Haus wäre. Zu meiner Mutter sagten einige, solche, die Weib und Kinder haben, gehen und andere sind wohl zu Hause. Andere sagten zu meiner Schwester, ich wäre doch illegal und sollte ja der erste an der Front sein, das sieht so aus wie wenn uns allein das Vaterland gehören würde. Daraus sieht man gleich, wie kameradschaftlich die Leute sind. Lieber Adolf, Du kannst froh sein, daß Du längere Zeit fort bist. Lieber Adolf, hoffentlich können wir unsere Zukunft glücklich vollenden und uns und der kommenden Generation eine blühende Zukunft schaffen. Wir halten immer fest und treu zusammen und folgen unserem Führer auf Leben und Tod. Dein Kamerad Hans. Heil Hitler!“

„Lieber Kamerad! Ich habe Deinen Brief aus der Heimat dankend erhalten. Gesund bin ich auch noch immer, was ich auch von Dir hoffe. Ich glaube, Du wirst Deinen Urlaub wohl gut verbracht haben. Ich wäre auch gern bei Dir gewesen. Wann aber das bei mir kommen wird, weiß ich nicht, dieses Jahr wahrscheinlich nicht mehr. Wenn uns der Allmächtige beisteht, werden wir wohl noch einmal zusammenkommen, wenn es auch Wochen, Monate oder noch länger dauert. Wenn nur unser lieber Führer alles gut weiterleiten kann und das deutsche Volk in diesem aufgezwungenen Krieg zum Sieg führt. Lieber Adolf, Ihr habt in Polen tapfer gekämpft, viele und große Hindernisse überwältigt. Jetzt könnt Ihr kurze Zeit ruhen und Euch erholen und dann geht es wieder frisch weiter und mit neuem Mut an die alte Sache. Hoffentlich kommt Ihr auch in gute Quartiere bevor Ihr wieder an die Front geht. Ich habe bei meiner Einquartierung wohl ein sehr gutes Heim gefunden. Die Leute waren uns sehr entgegenkommend, was man bei uns zu Hause wohl sehr wenig finden würde. Ich war dort schon zu Hause, haben konnte ich von den Leuten alles. Lieber Adolf, jetzt geht es mir auch ganz gut. Ich bin vor einigen Wochen Melder vom Bataillon zur Kompanie geworden, ich habe auch ein Fahrrad. Der Dienst ist gar nicht so anstrengend, manchen Tag brauchen wir nur einmal am Abend zu den Kompanien vorfahren und Befehle und Post für die anderen Kameraden mitvornehmen. Ich habe auch schon gehört, daß wir in den nächsten Tagen ins Vorfeld vorkommen sollen, wann das sein soll, das wissen wir nicht. Hoffentlich geht dann auch alles so vorüber wie bis jetzt. Wir haben auch bei unserer Kompanie schon Verluste gehabt. Durch Minenexplosion wurden vier Kameraden sofort getötet und fünf Mann verletzt. Einer von den fünf ist dann auch noch im Lazarett gestorben, es war der HJ-Bannführer von Hartberg. Lieber Kamerad, laß Dir es auch weiterhin gut gehen und bleibe schön gesund. Die herzlichsten Grüße und ein baldiges Wiedersehen. Dein treuester Kamerad Hans. Heil Hitler!“

„Lieber Kamerad! Ich habe Deinen Brief dankend und mit großer Freude erhalten. Es ist doch schön, wenn alte Kameradschaft wieder erneuert wird. Ich erinnere mich öfters an unsere Kinderjahre, wie wir uns beide immer mitsammen die Zeit vertrieben. Heute ist das ganz anders, beide sind wir an verschiedenen Stellen und ich glaube, daß wir uns an der Front auch schwer treffen werden. Das macht uns aber nichts, wir bleiben trotzdem treue Kameraden. Wir kämpfen weiter für unser Volk, Vaterland und unseren Führer Adolf Hitler. Genau so, wie wir einst Seite an Seite standen und kämpften. Lieber Adolf, kann Dir auch mitteilen, daß ich noch immer schön gesund bin, was ich auch von Dir hoffe. Wir waren vom 24. November bis 4. Dezember ganz an vorderster Front und zwar bereits auf französischem Boden. Es ist alles so ziemlich ruhig vorübergegangen, nur täglich gab es ein wenig eigene und feindliche Artillerietätigkeit. Du hast vielleicht in der Zeitung gelesen von den Kämpfen bei Pirmasens und Liederscheit. In dem angrenzenden Abschnitt waren auch unsere Kompanien in Tätigkeit. Ist aber alles glatt verlaufen. Unser Bataillon hat gar keine Verluste gehabt. Ich bin jetzt Melder. Das habe ich Dir ja schon geschrieben. Die Unterkunft war nicht schlecht. Wir waren in einem einzelnem Bauerngehöft. Die anderen Kameraden waren ein Stück weiter weg und mußten sich erst die Stellungen und die nötigen Unterstände ausbauen. Das Wetter war unter den zehn Tagen sehr schlecht. Fast jeden Tag hat es geregnet. Jetzt sind wir wieder vorne abgelöst worden und sind jetzt in den Bunkern, das paßt uns schon wieder. Mir geht es jetzt auch ganz gut, meine Arbeit ist jetzt vielleicht zweimal zum Bataillon gehen und am Abend vielleicht noch die Post holen. Der Weg ist eine Tour von ca. 15 Minuten. Lieber Adolf, wie es bei mir mit dem Urlaub aussehen wird, weiß ich noch nicht. Bis jetzt halte ich es schon noch aus, es ist so noch nicht allzulang her, daß wir aus der Heimat scheiden mußten. Wenn nur alles gut vorüber geht und wir ganz in die Heimat zurückkehren können. Zuerst stehen wir aber auf unserem Platz und erfüllen unsere Pflicht. Hoffentlich können wir uns dann zu Hause wieder treffen, wenn der Allmächtige seine Hand über uns hält. Also Kamerad sei nicht böse, daß ich Dir solange nicht geschrieben habe. Wir erfüllen weiter unsere Pflicht und bleiben trotzdem auch treue Kameraden. Auf ein baldiges Wiedersehen! Dein Kamerad Hans! Heil Hitler!“

Wie sehr die Familie Hirschberg Adolf Kaipel in ihr Herz geschlossen hat, geht aus Briefen hervor, welche Frau Hirschberg Adolfs Verwandten in Riedlingsdorf schrieb:

„Liebe Familie Kaipel! Ich empfinde das Bedürfnis einiges von hier zu berichten. Wie Ihnen bekannt, liegt Ihr Sohn und Bruder seit seinem Urlaub bei uns in Quartier. Wir haben uns sehr aneinander gewöhnt. Ihr Sohn Adolf ist Familienmitglied. Solange die Kompanie hier liegt und er bei uns ist, seien Sie unbesorgt. Was mir meine Verhältnisse erlauben, tue ich an Ihrem Sohn, Verpflegung, Wäsche usw. Ich habe auch das Vergnügen Ihnen zu sagen, daß Ihr Sohn sich auch wohl fühlt. Er hat schon manchen Scherz erzählt und Wiener Liedlein gesungen. Die Mundsprache ist uns neu, da muß Adolf oft Erläuterungen geben. Vor zwei Tagen waren wir beim Gemeinschaftsabend. Getanzt haben wir auch. Es war sehr gemütlich. Adolf sagt: "Ich fühle mich wie dahoam." Wenn es Sie interessiert von unserer Familie zu hören. Mein Mann ist vom Kriege verschont. Er war schon im Weltkrieg. Unsere drei Kinder sind 15, 10 und 5 Jahre alt. Der Älteste hat mit Adolf aufrichtige Kameradschaft geschlossen. Gestern Abend waren beide im Kino. Oft machen sie Kraftprobe. Dann sage ich gleich: "Jungens, Ihr habt wieder Übermut." Dann kommt das Mädchen. Sie muß mir bei der Hausarbeit helfen. Der Kleinste, Helmut, ist unser aller Spaßmacher. Er schläft mit Adolf in einem Zimmer. Beide haben sich sehr angefreundet. Wir haben hier ein Siedlungshaus mit Garten. Der Mann geht in den Dienst, die Kinder zur Schule. Da habe ich als Hausfrau auch genug Arbeit. Der Gemüsebau wird hier sehr gepflegt. Ich muß sagen, daß die Leute hier sehr fleißig sind. Meine Heimat ist Ostpreußen. Ich mußte mich hier auch erst an Land und Leute gewöhnen. Das geht alles, wenn man gesund ist. Das kann ich von uns allen bestätigen. Mir ist es recht, wenn Adolf noch bei uns bleibt. Denn so kann er es aushalten. Es ist unsere Pflicht und unser Dank an die Soldaten. Meine liebe Familie Kaipel, ich wünsche Ihnen ein frohes und zufriedenes Weihnachtsfest. Ich bin bemüht, Adolf die Heimat zu ersetzen. Was wir haben, hat auch er. Auch verspreche ich Ihnen, was ja mal kommt, wenn die Kompanie hier ausrückt, sofort zu schreiben. Bis dahin sei Ihnen jede Sorge erspart. Unsere Kinder werden zu Weihnachten Ihre Nüsse knacken. Haben Sie vielen Dank. Hoffen wir, daß uns das neue Jahr den erhofften Frieden bringt. Mit herzlichen Grüßen und "Heil Hitler" Familie Hirschberg“

Während des Kriegswinters 1939/40 herrschte im Unterbringungsraum der 44. Infanterie-Division eine rege Ausbildungstätigkeit. Aufgrund der Erfahrungen im Polenfeldzug wurde ein Befehl erlassen, dass die Stabskompanien der Infanterie-Regimenter um einen Pionierzug verstärkt werden sollten. Die 44. Infanterie-Division ließ daher ab 7. Jänner 1940 in Holzminden für jedes ihrer drei Regimenter einen Pionierzug in der Stärke 1/3/50 (Offiziere/Unteroffiziere/Mannschaften) durch das divisionseigene Pionier-Bataillon 80 ausbilden. Das Personal für diese Züge kam aus den eigenen Einheiten.[18] Auch Adolf Kaipel meldete sich für diesen vierzehntägigen Ausbildungskurs und wechselte in der Folge von der 2. Kompanie in die Stabskompanie des IR 131. In einem Brief vom 8. Jänner beschreibt Frau Hirschberg die Aufbruchsszene zu diesem Ausbildungskurs:

„Liebe Familie Kaipel! Am ersten Festtag haben wir Ihren lieben Brief erhalten, wofür wir auch danken. Es ist mir eine Genugtuung, daß Ihnen mein Brief Freude und Zufriedenheit bereitet hat. Die Festtage haben wir so gut es geht verlebt und auch Ihrer gedacht. Es hat sich inzwischen ein hartnäckiger Winter eingestellt. Schnee haben wir nicht viel, aber der Frost ist hart. Man versucht sich und die Tiere vor Kälte zu schützen. Liebe Familie Kaipel, inzwischen ist wohl der Urlauber dagewesen und hat von Adolf Grüße und die Bücher gebracht, und auch schon mitgeteilt, daß Adolf weg soll. Adolf ging wie immer auch am Freitag zum Dienst und kam nach kurzer Zeit wieder. Ich sagte: "Ist Ihnen kalt?". Daraufhin antwortete Adolf: "Ich muß um halb zehn ganz weg." Da habe ich mich erschrocken. Es half nichts, wir mußten Vorbereitungen treffen. Ich konnte die Tränen nicht zurückhalten als Adolf sich verabschiedete. Walter begleitete ihn. Als mittags mein Mann kam, sagte ich gerade: "Heute schmeckt mir das Mittagessen nicht", worauf mein Mann antwortete, daß er sich das gut vorstellen könne. Da ging die Haustür auf, unser Adolf kam wieder und sagte, daß er bis morgen Mittag noch hier bleiben dürfe. Das war noch ein schöner Tag. Auch kamen noch Ihre zwei Päckchen an. Daraus hat Adolf eines gemacht und mitgenommen. Nun war für alle eine andere Stimmung da, denn wir wußten was los war. Da Adolf von Beruf Tischler gelernt hat, ist er zu einem vierzehntägigen Pionierkursus nach Holzminden, daß etwa 40 km westlich von uns an der schönen Weser liegt. Alle Tischler des Regimentes machen diesen Kursus mit. Also Sonnabend um zwölf Uhr, wieder von seinem Kameraden Walter begleitet, ist Adolf mit dem Zug zusammen mit 21 Kameraden seines Regimentes abgereist. Adolf hat sich an den neuen Befehl gewöhnt, war zufrieden und frischen Mutes. Adolf hat sich wohl gefühlt bei uns. Er sagte: "Es war ja so als ob ich zu Hause im Urlaub war." Und ich sagte: "Ich habe das an Ihnen getan, was ich an meinen Jungen auch nur tun kann." So kann ich mit gutem Gewissen an ihn denken. Und so werden wir uns gegenseitig in Erinnerung behalten. Außerdem haben wir noch die schöne Hoffnung, daß Adolf eventuell auf Sonntagsurlaub kommen kann. Und vielleicht auch nach Beendigung des Kursus noch einmal zu uns ins Quartier kommt. Walter ist schon in den ersten Tagen eingeladen worden, zu Ihnen zu kommen. Wollen dann beide nach Wien zum Riesenrad und nach Graz. Liebe Familie Kaipel, machen Sie sich bitte keine Sorgen. Schuldig sind Sie uns nichts. Was wir tun an unseren Soldaten ist nur unsere Pflicht. Wenn alles gut geht und Walter hat einmal das Vergnügen zu Ihnen zu kommen, so geschieht es aus Freundschaft. Nun möchte ich auch nicht versäumen, herzliche Grüße von Ihrem Sohn und Bruder beizufügen, denn ich habe es Adolf auch versprochen, daß ich an Sie schreibe. Auch schönen Dank für das beigefügte Bild, das sehr schön ist. Mit herzlichen Grüßen und Heil Hitler. Ihre Familie Hirschberg.“

Adolf Kaipel kehrte nach dem Pionierkurs wieder in sein altes Quartier bei der Familie Hirschberg in Bad Gandersheim zurück. In einem Brief in der dritten Jännerwoche schilderte er seinen Verwandten seine Eindrücke:

„Lieber Mutter, Bruder und Schwägerin! Nach einer langen Zeit ist mir wieder einmal Gelegenheit gegeben, Euch in der Heimat zu schreiben. Hoffe, daß Euch dieses Schreiben in bester Gesundheit und mit Freuden antreffen möge, wie das Deinige bei mir, Mutter. Ich war für einige Zeit in Holzminden auf einem Pionierkursus und konnte Euch daher keine Feldpostnummer angeben. Auch habe ich heute die erste Post seit 18 Tagen bekommen. Holzminden ist sehr schön. Es hat uns gut gefallen, obwohl wir viel Dienst hatten. Ich bin nun wieder in meinen neuen Quartierort bei meinen Stiefeltern, die mich wieder mit Freuden aufnahmen. Liebe Mutter, Du weißt für viele Worte bin ich nicht, aber sollte mich das Schicksal an den Dank meiner Quartiergeber hindern, so bitte ich Euch, vergeßt sie nicht. Sie waren mir gut. Als ich von ihnen weggegangen bin, weinte die Frau. Sie gab mir, ohne daß ich es wußte, in meinem Paket eine Butter und in der Feldflasche Tee mit Rum mit. Hoffentlich ist es bei Euch nicht so kalt, bei uns ist eine durchschnittliche Kälte von 27 bis 30 Grad unter Null und auch kälter. Die Weihnachtspakete von Euch, drei Stück, und auch die zwei anderen habe ich mit Freuden erhalten. Auch heute habe ich von der lieben Schwester ein Paket bekommen, sie schrieb mir, sie wird von Euch so schlecht besucht, was mir sehr leid tut. Wenn es, liebe Mutter, vielleicht möglich ist, so bitte ich Dich, sag dem Bruder, er soll so lieb sein und mir einige Schokolade besorgen. Bezahlen braucht Ihr nicht, ich glaube, es wird sich noch mit meinem Guthaben ausgehen. Ist Pöll Josef bei Euch gewesen? Ich habe ihm Bücher mitgegeben. Vielleicht bekommt man in Pinkafeld Ohrenschützer, aber Mühe braucht Ihr Euch nicht machen. Bei uns haben sich viele die Ohren und Nase gefroren. Glaubt, obwohl wir im Ruhestand sind, müssen wir viel lernen und schaffen, daß, wenn uns der Führer wieder ruft, wir unsere Aufgabe beherrschen als Pioniere. Es sind alles Professionisten mit verschiedenen Berufen, wir haben einen großen Auftrag zu erfüllen. Herzlichst gegrüßt aus der Ferne alle Freunde und insbesondere Euch von Eurem Adolf Heil Hitler. Adresse: Soldat Kaipel Adolf, Feldpostnummer 10129“

Anfang Februar 1940 erhielt Adolf Kaipel Post von seinem Freund Johann Nicka. Dieser war mit einem Bataillon nach Niederösterreich in Marsch gesetzt worden. Dort wurde vom Wehrkreis XVII eine neue Infanterie-Division aufgestellt, welche mit Abgaben aus anderen Divisionen (auch von der 44. ID)[19] und frischen Rekruten aufgefüllt wurde. Diese neue 297. Infanterie-Division ging drei Jahre später so wie Adolf Kaipels 44. Infanterie-Division im Kessel von Stalingrad unter.

„Lieber Kamerad! Ich muß Dir mitteilen, daß ich noch immer sehr gesund bin, was ich auch von Dir erwarte. Muß Dir auch mit einer kleinen Überraschung kommen. Wir sind bereits wieder in der Ostmark und zwar in der Nähe von Wien in Enzersdorf an der Fischa bei Schwadorf. Wir wurden an der Front abgelöst, nach zweitägigen Fußmarsch gaben wir unsere ganzen Geräte und Waffen ab. Es blieb uns sonst nichts wie allein die Wäsche und Bekleidung. So ging es ganz gemütlich mit einem Personenzug heimwärts. Auf Urlaub war ich bis jetzt noch nicht, hoffentlich ist es jetzt möglich. Was jetzt aus uns noch gemacht wird, weiß man nicht. Es wurde von jeder Division aus der Front ein Bataillon herausgezogen und hier wird wieder eine neue Division zusammengestellt. Wir müssen jetzt natürlich warten bis wir die Geräte und alles wieder bekommen. Die Unterbringung ist wohl sehr schlecht, zum Teil sind wir in Massenquartieren und zum Teil privat. So schön haben wir es hier wohl nicht wie am Anfang in Krofdorf. Kalt ist es hier auch ziemlich und Schnee haben wir auch viel. Neugierig wird man noch sein, was überhaupt werden wird aus uns. Zu lange werden wir uns hier sicher nicht aufhalten. Lieber Adolf, sonst kann ich Dir nicht viel Neues schreiben. Ich habe gehört, daß zu Hause auch wieder viele einrücken müssen, wird ihnen auch nicht schaden. Hoffentlich gibt es bald ein Wiedersehen. Es grüßt Dich Dein alter Kamerad Hans Heil Hitler!“

Am 8. März marschierten die Einheiten der 44. Infanterie-Division von ihren Quartieren ab und erreichten nach drei Tagen den Truppenübungsplatz Sennelager bei Paderborn, auf dem Schießübungen und Angriffsübungen auf Bunkern geübt wurden. Beim Rückmarsch erließ die Division den Befehl, dass die Regimenter 131 und 134 ihre Quartiere tauschen. Dies führte sowohl bei den Soldaten als auch bei den Quartiergebern zu großem Unmut.[20] Dieser ungeschickte Divisionsbefehl führte auch dazu, dass Familie Hirschberg und Adolf Kaipel nicht mehr zusammen kamen. In zwei Briefen von Frau Hirschberg bzw. Walter Hirschberg an Adolf Kaipel läßt sich dies nachlesen:

„Lieber Adolf! Ich freue mich mit Ihnen, daß nun doch Ihr Urlauberzug fuhr und Sie daheim im Kreis Ihrer Lieben weilen durften. Ganz besonders wird Ihre Mutter glücklich sein und Sie werden sich gütig tun an Ihren Lieblingsgerichten. Das sind goldene Tage für Sie alle, die zu schnell vergehen. Helfen Sie nun beim Holz schlagen? Es wird schon was zu schaffen geben. Den Wein probieren Sie doch auch daheim? Das gibt Laune, dann heißt es "egal". Es bereitet mir immer Freude von Ihnen zu hören. Ganz besonders hat mich Ihr Brief gefreut, den Sie durch Seppl geschickt haben. Es spricht daraus Ihr Dank und Anerkennung und zeigt Ihre edle Gesinnung. Ich muß gestehen, ich habe Sie versorgt wie meine Jungen und so denke ich auch an Sie. Sie wissen, daß Sie jederzeit kommen dürfen und Aufnahme finden. Seit acht Tagen haben wir neue Einquartierung. Er ist ein Rheinländer und er ist auch gut, aber daß ich Rippenstöße geben werde, wie ich es mit Ihnen tat? Ich hatte immer Spaß an Ihrer zackigen Haltung und wenn Sie sechsmal am Tag fortgingen und kamen, Sie machten immer Meldung. Das fällt hier alles weg. Ich verspreche mich oft und sage: "Adolf". Heute hat er wieder den Stahlhelm probiert und Walter die Gewehrgriffe. Es klappt auch alles. Lieber Adolf, Sie können sich vorstellen, das Bummelleben vom Winter hat aufgehört. Walter und Helga hatten ein gutes Zeugnis. Walter war der Beste seiner Klasse. Heute ist er wieder im Kino. Ohne Sie. Auch ich war Freitag hier. Ihr beide habt mich ja nie mitgenommen. Es gab: "Mutterliebe". Walter wollte für Sie ein gemaltes Bild beifügen. Er fand nicht das richtige. Sonst ist er sehr in Anspruch genommen, er hat schon einen Stoß neue Schulbücher gekauft. Heute war die Jugendweihe. Da war auch er verpflichtet hinzugehen. Sie sollen denn auch was besonders Schönes haben, nur später. Ja, Adolf, Sie wollten uns doch von Ihrem Urlaub Stoff und Holz mitbringen. Das wird nun alles nichts. Seien Sie bitte zufrieden, wir haben es schon. Die Schweine kommen jetzt nicht mehr ins Schlafzimmer. Die zwei Päckchen von Mutter habe ich gleich zur Post gebracht. Haben Sie sie erhalten? Hiermit erhalten Sie Ihre zurückgebliebenen Sachen und herzliche Grüße an Sie alle Familie Hirschberg“

„Lieber Adolf! Du wirst wohl schon böse sein, daß ich solange nichts von mir habe hören lassen. Wir dachten immer, daß Du doch wohl einmal zu uns kommst. Mit der Zeit ist es jetzt auch so knapp. Seit Anfang März bin ich jeden Nachmittag in die Fabrik arbeiten gegangen. Abends habe ich dann meine Schularbeiten gemacht, bis zehn Uhr. Sonntags habe ich dann im Garten geholfen. Das Land, wo wir im Herbst zusammen Mist hingefahren haben, haben wir am 1.Mai und zu Himmelfahrt umgestochen und bepflanzt. Das Stück Land an der Straße auf dem Salzberg sieht jetzt auch ganz anders aus, das wird der Sepperl schon erzählt haben. Mit dem jetzigen Soldaten kommen wir nicht gut aus. Alle Leute sind unzufrieden mit den einquartierten Soldaten. Der gehört überhaupt nicht zu uns, der kann uns alle arbeiten sehen. Wenn wir ihm auch sagen, er möge mir z.B. beim Himbeeranbinden helfen, so macht er sich da gar nichts daraus. In der Woche ist er bald drei- bis viermal in der Wirtschaft, die anderen Tage treibt er sich bei Seidigs, hier auf dem Salzberg, herum. Mit dem Kino gehen ist es jetzt auch schon länger aus. Wir dürfen nur jugendfreie Filme sehen, und dann nur bis neun Uhr und in Begleitung der Eltern. Dieses Jahr dürfen wir überhaupt nicht mehr ins Kino. Zu Pfingsten habe ich mir vorgenommen mein Schiff zu streichen, damit es endlich fertig wird. In der Schule geht es auch feste weiter. Seit Ostern haben wir auch Englisch dazubekommen. Wir haben in dem Fach einen prima Lehrer, so daß wir schon allerhand gelernt haben. Ich dachte schon, Ihr würdet auch nach Norwegen kommen, aber hier seid Ihr ja zu dicht an Land um an dem Feldzug teilzunehmen. Englische Schiffe werden jetzt auch genug versenkt, so daß die Radioberichte jetzt immer viele Neuigkeiten berichten. Viele Grüße und ein baldiges Wiedersehen wünscht Dein Freund Walter.“

Abschließend zu erwähnen ist noch, dass die originalen Briefe von Frau Hirschberg ihrem Sohn nach der Kontaktaufnahme im Jahre 1984 (siehe Einleitung) von den Verwandten der Familie Kaipel retourniert wurden. Es stellte sich nämlich heraus, dass Walter Hirschberg aufgrund der dramatischen Veränderungen in seiner Familie ab 1943 keinerlei persönliche Erinnungsgegenstände an seine Mutter geblieben waren. Wie er später dem Großneffen von Adolf Kaipel schrieb, war der Moment, als er nach mehr als vier Jahrzehnten wieder Schriftstücke mit der Handschrift seiner Mutter in seinen Händen halten konnte, besonders berührend.

Der Westfeldzug - Mai bis Juni 1940

Am 10. Mai 1940 begann der Westfeldzug. Während die motorisierten Teile der französischen Armee und das Britische Expeditionskorps durch die Angriffe der Deutschen Wehrmacht auf die Niederlande und Belgien aus ihren Versammlungsräumen in Nordfrankeich nach Belgien gelockt wurden, um dort die deutsche Offensive aufzuhalten, brachen zur Überraschung der alliierten Kommandeure mehrere deutsche Panzer-Divisionen in ihrem Rücken in Richtung Kanalküste durch und schnitten die alliierten Truppen von ihren Nachschubbasen ab. Der Vater dieses tollkühnen Planes, der später von Winston Churchill Sichelschnittplan genannt wurde, war der deutsche General Erich von Manstein, der die deutschen Panzer durch das schwer befahrbare Gelände der Ardennen schickte und so den Feldzug in wenigen Tagen für Deutschland entschied. Hinter den Panzer-Divisionen wurden in Eilmärschen Infanterie-Divisionen herangeführt, welche nach und nach in eine Front nach Süden eingegliedert wurden um die linke Flanke des Vorstoßes zu sichern.

Für die 44. Infanterie-Division begann der Westfeldzug erst am 13. Mai als ihre Einheiten in Güterzüge verladen und nach Koblenz verfrachtet wurden. Dort erfolgte am 15. Mai die Ausladung, während zur gleichen Zeit weiter im Westen deutsche Panzer den feldzugsentscheidenden Durchbruch bei Sedan erzielten. Die 44. Infanterie-Division reihte sich nun in das endlose Marschband deutscher Infanterie-Divisionen ein, welche den Panzer-Divisionen folgten. Gewaltmärsche von 40 bis 60 km standen von nun an an der Tagesordnung bis man das vorläufige Marschziel erreichte.[21] Nachdem die motorisierten Teile des Feindes in Belgien geschlagen und über das Schlupfloch Dünkirchen entkommen konnten, stellten sich die deutschen Divisionen bereit, um in Frankreich einzufallen.

Frau Hirschberg schrieb an Adolf Kaipels Verwandten am 14. Mai einen Brief in dem sie über den Aufbruch in den neuen Krieg von Adolf berichtete:

„Liebe Familie Kaipel! Ich danke Ihnen für die erhaltene Karte. Es war schade, daß das Paket so spät gekommen ist und Adolf den Brief nicht mehr erhalten hat. Die Hauptsache jedoch ist, daß er überhaupt im Urlaub war. Wir haben von einem Sonntag auf den anderen gehofft, Adolf würde uns bei einem Sonntagsurlaub noch einmal besuchen, denn viele sind das zweite Mal hier gewesen. Wir aber hatten dieses Glück beiderseits nicht. So hatten wir die letzte Hoffnung auf Pfingsten gesetzt. Doch sahen wir nach diesen gewaltigen Kampfbewegungen schon ein, das der Traum vorbei ist. Wir haben noch eine Pfingstkarte aus Holzminden erhalten. Gestern Abend ist auch unsere zweite Einquartierung abgefahren. Die waren auch zwei Monate hier. Er war ein Schwärmer immerfort. So mußten wir oft an unseren ersten Soldaten denken und sagten dann, wie anderes war doch Adolf. Nun ist der Krieg richtig entbrannt. Auch Adolf wird schon vorgerückt sein. Er war ein offener, gerader Soldat, da können Sie stolz darauf sein, und er hatte einen edlen Charakter. Das Glück mag ihm hold sein. Sie, liebe Frau Kaipel, bangen Sie nicht zu viel, seien Sie mutig. Ich habe das Gefühl, es wird Adolf nichts passieren. Wir haben in der Heimat auch unsere Aufgabe. Wir müssen arbeiten. Das wollen wir gerne tun. Der Führer wird es recht machen. Das hat Adolf auch öfters gesagt. Wenn der Weg nicht zu weit wäre, würde ich Sie gerne besuchen. Walter wird es später einmal für uns alle tun. Sein Plan ist aufs Schiff zu gehen. Dann werde ich mich als Mutter auch mit so manchem abfinden müssen. Nun, liebe Familie Kaipel, wünsche ich alles Gute. Es sollte uns freuen mal wieder von Ihnen zu hören. Vor allem Neuigkeiten von Adolf zu erfahren. Mit herzlichen Grüßen Ihre Familie Hirschberg“

Obwohl der Feldzug strategisch schon entschieden war, folgten noch blutige Kämpfe gegen Einheiten der französischen Armee. Vor allem der Durchbruch durch die französischen Grenzstellungen kostete viele Menschenleben, während die anschließende Verfolgung quer durch Frankreich mit vergleichsmäßig geringen Verlusten bezahlt werden musste. Insgesamt verloren 500 Männer der 44. ID in Frankreich ihr Leben, 1000 weitere wurden verwundet.[22] Adolf Kaipel machte nicht den ganzen Feldzug mit, weil er aufgrund einer Marschverletzung in ein Lazarett musste. Die nachfolgenden Briefe von Adolf spiegeln die Anstrengungen dieser Tage wider:

„Liebe Mutter! Am Muttertag denkt besonders weit im Feindesland Dein liebes Kind an Dich. So gerne wäre ich an diesem großen Tag bei Dir, an dem mir auch das Leben von Dir, liebe Mutter, geschenkt wurde. Weit blicken meine Augen in das Feindesland und müde bin ich schon von allem. Wir haben nun wieder große Strapazen, am Tage 40 bis 60 Kilometer, zu erdulden. Den ganzen Tag Durst, ach wie oft denke ich an Dich, an Deine sorgenden Hände. Liebe Mutter, wenn Du mir einmal ein Paket schickst, so bitte ich Dich um Zitronade. Hans hat in seinem Geschäft immer welche gehabt, vielleicht ist noch ein Vorrat. Außer Müdigkeit und großen Durst geht es mir noch ganz gut. Arbeitet der Vater noch immer? Es geht sich schlecht mit dem Schreiben aus. Lasse alle herzlich grüßen. Aus dem Feindesland in treuen Gedanken Dein Adolf. Im Feldquartier auf hartem Stein streck ich die müden Glieder, und sende in die Welt hinein den Liebsten meine Lieder. Adolf“

„Liebe Mutter! Vor allem die herzlichsten Grüße und ich wünsche allen Gesundheit, was ich Gott sei Dank noch bin. Wir haben endlich nach endlosen Marsch am Nachmittag frei. Trotzdem es wohl nicht zu verdenken wäre, und ich es mir von der notdürftigen Rest absparen muß, werde ich es, liebe Mutter, nie unterlassen Dir zu schreiben. Diese Tage waren für uns eine größere Anstrengung als in Polen. Manchmal waren wir so fertig, daß wir keinen Schritt weiterkonnten. Unter 45 Kilometer wurden wir niemals fertig, und das steigerte sich jeden zweiten Tag bis 64 oder 68 Kilometer. Unsere Augen erblickten Luxemburgs, Belgiens und Frankreichs Auen. Und gerne will ich alles mitmachen und Du, liebe Mutter, sollst nicht viele Sorgen auf Dich laden. In dieser Gegend sind die Einwohner alle, bis auf einige die geblieben sind, mit dem französischen Militär zurückgegangen und haben Hab und Gut zurückgelassen. Schweine, Kühe und Pferde sind in Massenherden im Grünen. Es gibt hier eine ausgezeichnete Rinderzucht. Am liebsten möchte ich gleich mit zehn bis zwanzig nach Hause fahren, doch für uns ist das alles unzugänglich. Für uns heißt es nur vorwärts. Wir dürfen nicht die Rosen pflücken, die am Wege blühen. Sedan hatten wir dieser Tage links liegen gelassen. Wenn wir wieder einmal zusammenkommen, dann kann ich Euch viel erzählen. So stark die Maginotlinie auch gebaut war, für den Willen des Führers war sie doch kein Hindernis. Ihr werdet jetzt viel Arbeit haben, wenn doch der Samuel zu Hause wäre. Vielleicht erhört der liebe Gott unsere Bitte, daß wir bald alle in unsere Heimat einkehren dürfen. Was macht der Vater? Arbeitet er noch immer, was ich wohl glaube. Schreibt mir einmal, habe noch nichts von Euch gehört. Glaub mir, liebe Mutter, Samuel tut mir leid. Wollte gerne für ihn alles übernehmen. Grüße mir, liebe Mutter, alle von mir. Vater soll fleißig arbeiten. Er soll denken, daß seine Kinder unter größter Gefahr ihren Dienst tun müssen. Nochmals herzliche Grüße aus der weiten Ferne. Bleib stark, liebe Mutter, der liebe Gott verläßt uns nicht. Dein Adolf“

„Meine Lieben! Komme wieder dazu Euch aus der Ferne herzliche Grüße zu senden. Bin mit meiner Verletzung in ein Lazarett nach Eben Ezer gekommen. Nach Aussage des Arztes werde ich bald wieder kuriert sein. Nur den großen Zehennagel ließ ich in Frankreich. Und noch dazu meine Haare, denn ich bin glatt rasiert wie ein Gefangener. Ich habe von Frankreich bis hier acht Tage gebraucht. Habe nun ein schönes Stück Land gesehen. Ein Land wie Luxemburg, das ist bestimmt in Ordnung so schön und rein. Auch Belgien ist ganz schön, nur wurde viel zerstört. Alle Brücken wurden ein Opfer sowie viele Häuser, fast schlimmer als in Polen. Man kann fast sagen, dem Führer hat uns Gott gesandt. Alles was sich seinem Willen entgegenstellt, wird dem Erdboden gleichgemacht. Die großen Festungen Frankreichs sind entweder fluchtartig vom Feind geräumt worden oder nur noch ein Trümmerhaufen. Die Somme, ein Fluß der zum Kanal fließt, war im Weltkrieg ein großes Schlachtfeld. Friedhof an Friedhof reihen sich. Und nun zum Schluß sollte es Kirschen geben, dann, liebe Mutter, legt welche ein. Heuer gibt es ein schönes Wiedersehen mit dem Frieden. Herzliche Grüße mit einem Sieg Heil. Euer Adolf.“

Auch die 297. Infanterie-Division von Hans Nicka nahm am Frankreichfeldzug teil. In zwei Briefen an Adolf Kaipel bzw. seiner Familie berichtete er über seine Kriegserlebnisse, die aufgrund der strategischen Situation relativ harmlos waren.

„Liebe Familie Kaipel! Ich muß Euch ja auch wieder mal einige Zeilen von unserer neuen Front bekanntgeben. Ich bin noch immer sehr gesund, was ich auch von Euch zu Hause erwarte. Ihr werdet es ja sicher erfahren haben, daß wir von Wien weggefahren sind. Seit 1.6. sind wir schon auf dem Marsch durch Belgien, gestern haben wir französischen Boden erreicht. Wir haben wohl unterdessen auch Rast, im Durchschnitt machen wir 30 bis 40 km täglich. Neues gibt es sonst nicht viel bei uns. Die Zeit ist jetzt wirklich sehr schön fürs marschieren. Wie steht es jetzt mit dem Adolf und dem Samuel, sind sie auch an der Westfront? Ich habe Ihnen wohl auch schon geschrieben, aber noch nichts erfahren, wahrscheinlich haben sie auch nicht viel Zeit, denn manchmal geht es sich beim besten Willen nicht aus. Ihr werdet zu Hause jetzt sicher viel Arbeit haben. Wenn uns nur der Allmächtige beisteht und wir den Krieg gut zu Ende führen können, dann muß man halt das Versäumte wieder nachholen. Somit schließe ich mein Schreiben und wünsche Euch allen Gesundheit, auf ein baldiges Wiedersehen! Es grüßt Euch Hans.“

„Lieber Kamerad! Ich muß Dir nach langer Zeit wieder mal einige Zeilen schreiben, bei diesem dauernden Wandern kommt man ja gar nicht dazu. Ich war ja damals ganz entsetzt, als ich erfuhr, daß Du verwundet worden bist. Ich hoffe, daß diese Verletzung doch bald wieder gut wird. Jetzt hast Du schon den ganzen Krieg mitgemacht und ist Dir nichts passiert, so wird Dir auch weiterhin der Allmächtige beistehen, daß Du wieder in bester Gesundheit die Heimat wiedersehen kannst. Ich habe selbst schon ein großes Verlangen, mit Dir so manche Stunden zu verbringen. Es ist ja doch schon sehr lange her, als wir das letzte Mal beisammen waren. Lieber Adolf, vom Samuel habe ich auch vor kurzem ein Schreiben bekommen, es muß ihm auch noch ganz gut gehen in Norwegen, er wird sicher auch allerhand mitgemacht haben. Lieber Adolf, wir haben immer das Glück gehabt, daß wir in diesem Krieg überhaupt nicht an die vorderste Front gekommen sind. Wir sind nur immer als Reservewelle hinterher marschiert. Also wenn wir nicht am Westwall gewesen wären und Granateneinschläge beobachtet hätten, würden wir überhaupt nichts vom Kriege wissen. Wir hatten hier in Frankreich nur Marsch, von Aachen über Lüttich nach Paris, dann westlich fast ans Meer und jetzt wieder zurück über Compiegne. Ich hatte auch die Gelegenheit den historischen Platz im Wald von Compiegne zu sehen. Denkmäler und Gedenksteine waren noch vorhanden, aber der Salonwagen, in dem der Waffenstillstand unterzeichnet wurde, war nicht mehr vorhanden, der wird wohl schon sicher seinen Platz in Berlin gefunden haben. Jetzt befinden wir uns schon wieder ein schönes Stück nordöstlich, wo wir dann nach einigen Tagen verladen werden, wo es dann hingeht, weiß man noch nicht, sicherlich aus Frankreich zurück. So kommt man im Leben herum, das wird einmal eine schöne Erinnerung sein. Nun schließe ich mein Schreiben und wünsche Dir recht baldige Gesundheit, hoffentlich gibt es bald ein Wiedersehen. Es grüßt Dich Dein Kamerad Hans. Heil Hitler!“

Zwischen den Feldzügen - Juli 1940 bis März 1941

Nach Beendigung der Kämpfe verblieb ein Großteil des deutschen Heeres in Frankreich als Besatzungstruppe. Die 44. Infanterie-Division von Adolf Kaipel bezog eine Sicherungsstellung im Westen an der Atlantikküste. Städte wie Marennes oder Rochefort dienten dabei als Garnisonsstandorte.[23] Die Soldaten lebten wie Gott in Frankreich und schickten Pakete mit vielen Kostbarkeiten in die Heimat. Hans Nickas 297. Infanterie-Division wurde hingegen in das Generalgouvernement verlegt und dort unter anderem für den Straßenbau eingesetzt.

In den nachfolgenden Briefen von Adolf Kaipel und Hans Nicka lässt sich die jeweilige Stimmungslage herauslesen. Ein weiterer Brief stammt von Samuel Kaipel, dem Bruder von Adolf, der als Angehöriger der 3. Gebirgs-Division im Norden von Norwegen eingesetzt war.

„Meine Lieben! Vergeblich wartend auf Neuigkeiten von Euch, faßte ich den Entschluß, Euch einige Zeilen zu schreiben. Habe Euch vorigen Mittwoch zwei Kaffeepakete und zwei Pakete der Schwester geschickt. Freitag habe ich ein weiteres Paket mit einem anderen Absender geschickt, das macht aber nichts. Heute habe ich zwei weitere, aber mit 450 Gramm, geschickt. Hoffentlich kommen alle gut nach Hause und wenn es Euch schmeckt, werde ich dieselbe Freude haben und bei Gelegenheit wieder etwas schicken. Habe diese Woche einen Anzugstoff gekauft, damit ich, wenn ich nach Hause komme, einen anständigen Anzug habe. Bei uns ist es jetzt sehr warm, man kann es fast nicht aushalten. Es ist hier herrlich, man sieht hier in den Park- und Gartenanlagen viele Palmen, einen Winter kennt man hier überhaupt nicht und desto wärmer ist es jetzt. Ich mache jetzt einen Sanitätskurs und daher ist von einer Arbeit keine Rede. Von meinen Kameraden sind sehr viele gefallen, ja es ist so wie auf meinen Paketen steht "Ich hatte einen Kameraden, einen besseren find ich nicht". Ich habe es gut bei meiner Kompanie, mit allen, ob Unteroffizier oder Mannschaften, bin ich gut Freund, aber für mich ist diese Zeit nur einem Schmerz untergeordnet, wenn ich an Fabian denke. Es gehen hier viele Gerüchte um, daß wir nach Hause kommen. Man weiß es nicht genau. Viele Grüße, liebe Mutter, denkt im Geist bin ich bei Euch und möchte Eure Arbeit teilen. Nochmals an alle herzliche Grüße. Euer Adolf“

Eine Passage aus dem nachfolgenden Brief von Hans Nicka stößt einem mit den Wissen von heute sauer auf, in der er sich abfällig über Zigeuner und Juden äußerte. Etwa genau zu dieser Zeit als Nicka die nachfolgenden Zeilen schrieb, hatte die Vernichtung des europäischen Judentums eine neue Eskalationsstufe erreicht. In den Städten des sogenannten Generalgouvernments errichteten die Nationalsozialisten zahlreiche Ghettos, in welche sie anschließend Zehntausende Juden aus Deutschland deportierten. Unter diesen Deportierten befanden sich auch Bewohner der ehemaligen jüdischen Gemeinde Oberwart, wobei vier Personen zwischen 10. und 19. Februar in das Ghetto Kielce und eine weitere Person in das Ghetto Opole zwangsverschleppt wurden.[24]

„Lieber Adolf! Du wirst über meinen heutigen Brief sehr erstaunt sein, er kommt nicht aus dem Westen, nicht aus dem Osten sondern nach langer Zeit wieder einmal aus der Heimat. Es ist jetzt wohl schon wieder eine sehr schöne Zeit vergangen, seit wir beide zu Hause waren und uns die Hände reichten. Es sind nicht einige Wochen oder Monate sondern bereits über ein ganzes Jahr. Die Zeit vergeht wirklich so schnell, daß man es gar nicht fassen kann. Alles ist vergänglich und so wird auch der heutige Zustand seinem Ende entgegengehen. Und wenn uns der Allmächtige beisteht, werden wir eben dann unser Wiedersehen feiern, wenn es gleich jetzt nicht möglich ist. Ich war auch schon bei Deinen Eltern und Dein Bruder Samuel ist auch zu Hause. Wir beenden unseren Urlaub zur gleichen Zeit, am 30. September fahren wir gemeinsam nach Wien. Wie geht es Dir immer, lieber Adolf? Hoffentlich bist Du jetzt wieder schön gesund? Die Arbeit wird ja jetzt auch nicht so anstrengend sein. Bei uns in Polen ist es ja auch so, es ist hauptsächlich nur Arbeitsdienst, Barackenbau und Straßenbau. Wie es dort sonst aussieht, brauche ich Dir ja nicht schreiben, das weißt Du ja vom vorigen Jahr. Es ist wie bei den Zigeunern und noch die vielen Juden dazu, kannst Dir vorstellen, wie ich mich da wohlfühle. Und so langweilig dazu, Belustigungen gibt es überhaupt nicht. Hoffentlich kommen wir bald wieder weg von da. Lieber Adolf, zu Hause gibt es nicht viel Neues, die Zeit ist nicht besonders gut, der Regen ist so wie früher. Die Straßen sind wie ausgestorben, es sind sehr viele eingerückt, das wirst Du ja sicher wissen. Der A. ist wieder auf Urlaub zu Hause und ich glaube sogar für drei Monate. Ich weiß nicht, können sie den nicht brauchen oder was da eigentlich los ist? Mir kommt er wohl so vor, als er noch gar nichts gelernt hätte, er ist noch der alte Schleifer. Lieber Adolf, nun schließe ich für heute mein Schreiben und wünsche Dir weiterhin einen guten Fortschritt. Dein alter Kamerad Hans Heil Hitler!“

Samuel Kaipel, den Bruder von Adolf Kaipel, hatte der Krieg nach Norwegen geführt. Seine Einheit, das Gebirgs-Jäger-Regiment 139, hatte im Zuge des Unternehmens Weserübung den Erzhafen von Narvik besetzt und diesen gegen eine vielfache alliierte Übermacht gehalten. Die Gebirgsjäger und ihr Divisionskommandeur, Generalleutnant Eduard Dietl, dessen Persönlichkeit man erst Jahrzehnte nach Kriegsende kritisch hinterfragte, wurden von der nationalsozialistischen Propaganda wegen dieser Aktion vereinnahmt.

„Lieber Bruder! Vor allem die besten Grüße aus Deiner Heimat. Kann Dir mitteilen, daß ich drei Wochen auf Urlaub hier bin. Wir sind noch alle gesund, was wir auch Dir wünschen. Wie geht es Dir? Ich kann es mir vorstellen. Ich befinde mich 200 km nördlich von Narvik. Es ist ganz einsam hier. Ich bin hier von den Pferden weg bei der motorisierten Karette. Ich muß fünf Tage durch Schweden fahren. Insgesamt sind das 400 km und Du bist so weit im Süden. Deine Pakete mit dem Anzug sind auch angekommen. Ich kann Dir mit Freude mitteilen, daß uns der Führer die Medaille für die Kampfzeit verliehen hat. Lieber Bruder, wie schön wäre es, wenn Du auch Deinen Urlaub hier verbringen könntest. Am 30. fahre ich wieder hinauf in meine Eiswüste. Was wir den ganzen Winter machen, wissen wir nicht. Vielleicht verbringen wir ihn auf Engeland. Nochmals viele Grüße von uns allen im Hause Samuel Auf Wiedersehen“

Überfall auf die Sowjetunion

Im März 1941 bereitete sich auch die 44. Infanterie-Division für eine Verlegung in den Osten vor. Für die meisten der Männer sollte es eine Reise ohne Wiederkehr werden. Manche hatten das Glück, dass sie bis zur Vernichtung der Division im Kessel von Stalingrad im Winter 1942/43 noch einmal Urlaub bekamen um ihre Verwandten zu sehen. Manchen blieb aufgrund eines Heimatschusses dieser Untergang erspart, mehrere Tausend Angehörige der Division sollten hingegen die Stadt Stalingrad nie zu Gesicht bekommen, weil sie schon zuvor in den Kämpfen gegen die Rote Armee gefallen waren. Zur letzten Gruppe sollte auch Adolf Kaipel gehören.

Verlegung und Aufmarsch - April bis Juni 1941

Am 30. März trafen die ersten Transportzüge der 44. Infanterie-Division im Großraum Tschenstochau ein. Man war nun Teil des gewaltigen Aufmarsches für den Fall Barbarossa, den Überfall auf die Sowjetunion. In den Wochen bis zum Beginn des Feldzuges, am 22. Juni 1941, führte die Division zahlreiche Übungen durch. In den letzten Tagen vor dem Überfall marschierten die Einheiten der Division meist in der Nacht an ihre Bereitstellungsräume im Raum Hrubieszów heran. Die Division gehörte zur 6. Armee, welche als Teil der Heeresgruppe Süd in die Ukraine einfallen sollte.[25]

Vormarschkämpfe und Kesselschlachten - Juli bis September 1941

Nachdem die Grenzstellungen überwunden waren, gewannen die Divisionen der Heeresgruppe Süd langsamer Bewegungsfreiheit als die Einheiten der beiden anderen Heeresgruppen Mitte und Nord. Der Grund dafür war, dass die Rote Armee im Süden der Front relativ viele Truppenkontingente stationiert hatte, die sich nicht davor scheuten, die kriegserfahrenen deutschen Divisionen anzugreifen. Aus einem dieser sowjetischen Gegenstöße entwickelte sich die Panzerschlacht bei Dubno, an deren Ende auch die 44. Infanterie-Division am 1. Juli verwickelt wurde, nachdem sie als Verstärkung für die schwer ringenden deutschen Panzer-Divisionen herbei beordert worden war. Den verschiedenen Einheiten der Division gelang es in den nun sich entwickelten Kämpfen annähernd 100 sowjetische Panzer abzuschießen.[26] Die Schlacht endete mit einer schweren Niederlage der Roten Armee, sie zeigte den deutschen Soldaten aber, dass sie es mit einer anderen Art von Krieg zu tun hatten als im Westen, denn obwohl in den nächsten Wochen und Monaten Hunderttausende Rotarmisten in deutsche Gefangenschaft gingen, gab es Abertausende, die sich lieber totschießen oder erschlagen ließen als sich zu ergeben. Dementsprechend groß waren in diesem gnadenlosen Kampf auch die deutschen Verluste. Außerdem war der Schock für die deutschen Soldaten groß als sie im Laufe der Schlacht zum ersten Mal Bekanntschaft mit dem sowjetischen "Wunderpanzer" T-34 machten.

Adolf Kaipel schrieb am Vorabend des Eingreifens der 44. Infanterie-Division in die Panzerschlacht folgenden Brief an seine Schwester Maria:

„Meine Lieben! Komme endlich dazu und es ist mein größtes Bestreben rasch bevor abmarschiert wird, Euch einige Zeilen zu schreiben. Es ist jetzt 19 Uhr, wir wollen noch eine kleine Strecke marschieren. Die Sonne ist schon in den Wolken verschwunden und nur einige Kilometer weiter links von uns rattern Maschinengewehre und bersten Granaten. Was uns die kommenden Tage bringen, entzieht sich unserer Kenntnis und ich kann Euch sagen, der Herr hat mir schon in diesen Tagen viel Beistand geleistet. Wie oft denke ich an Euch und an zu Hause, doch weit ist der Weg zurück ins Heimatland, so weit, so weit... Auch Mitzerl hat mir geschrieben und noch dazu war es so schön verfaßt. Auch einen Enzian hat sie mir beigelegt, den ich nun in diesen schweren Tagen als Talisman bei mir tragen werde. Richte mir ja, liebe Schwester, meinen herzlichen Dank und Grüße aus, ich hatte eine so undenkliche Freude, wie ich sie seit Wochen nicht mehr kannte. Wollen wir hoffen und unseren lieben Gott bitten, er möge uns bald unseren heißersehnten Frieden schenken. Und kann ich Euch dann die Hände schütteln, gibt es bestimmt ein frohes Wiedersehen. Liebe Schwester, ich bitte Dich noch zum Schluß, rede der Mutter alles aus, worüber sie sich Gedanken macht. Ich komme ja wieder. Und sie soll sich ja eine Hilfskraft nehmen, denn bei dieser vielen Arbeit, sind sie allein zu schwach. Alles, soweit mein Geld reicht, steht ihnen zur Verfügung. Und nun zum Schluß viele Grüße und ein baldiges Wiedersehen Euer Adolf“

Während im Mittelabschnitt der Ostfront große Kesselschlachten (Białystok und Smolensk) tobten, kämpfte sich die Heeresgruppe Süd mühsam an Kiew und den Dnjepr heran. Lediglich bei Uman gelang es der Heeresgruppe eine größere Anzahl sowjetischer Divisionen einzuschließen. Adolf Kaipels 44. Infanterie-Division wurde im Juli an einen Frontabschnitt südlich von Kiew verlegt.[27] Aus der Zeit vor der Verlegung stammt der nachfolgende Brief mit interessanten Ausführungen über das Leben in der Ukraine:

„Meine Lieben! Komme wieder einmal dazu Deinen Brief zu beantworten. Ich sitze in einem ukrainischen Bauernhaus und draußen regnet es ohne Unterlaß. Jede Stunde kann der Abmarschbefehl kommen, dann kennt der Soldat keinen Regen. Die Leute sind gut zu uns, obwohl sie durch den Kommunismus verarmt sind. Ein jedes Haus weist Spuren der Verwüstung auf. Sie besitzen nicht mehr als einen kleinen Kartoffelgarten und eine Kuh. Es gab in jedem Dorf Kollektivvieh, das gehörte aber dem Staat und für den mußten sie arbeiten. Dadurch, daß sie so wenig Vieh halten durften, fehlte ihnen der Dünger. Der Staat lieferte keinen und daher der große Mißerfolg bei der Ernte. Zu kaufen bekamen sie sehr selten Salz. Kaffee kannten sie überhaupt keinen und auch Zucker bekamen sie nur einmal im Jahr und da mußten sie Schlange stehen. Im Dorf ist nur ein schönes Haus und das war früher eine Kirche, das die Rotarmisten als Parteiheim umbauten. So verarmt die Bevölkerung hier ist, sind bei uns nicht einmal die Zigeuner. Wer es mit bloßem Auge nicht sieht, kann es wohl kaum glauben. Gesundheitlich geht es mir gut, trotz der großen Strapazen. Wie es scheint stehen wir wieder unmittelbar vor dem Einsatz und hoffen, daß alles gut verläuft. Wir nähern uns der ukrainischen Hauptstadt (Anmerkung: Kiew). Und nun zum Schluß herzlichen Dank an Euch alle mit einem baldigen Sieg und einem herzlichen Wiedersehen Euer Adolf“

Mitte August fand die 44. Infanterie-Division nach wochenlangen Kämpfen ein wenig Zeit Bilanz zu ziehen. Seit dem Beginn des Angriffes auf die Sowjetunion hatte sie ungefähr 3000 Mann an Gefallenen und Verwundeten verloren, das waren ca. 20 Prozent des Soll-Bestandes. Ab 23. August wurde die Division im Norden von Kiew, einem relativ ruhigen Frontabschnitt, eingesetzt.[28] Adolf Kaipel nutzte die Zeit dazu, um nachfolgenden Brief an seine Schwester zu schreiben:

„Liebe Schwester! Habe Deinen Brief mit Freuden erhalten und will ihn auch gleich beantworten. Du wirst staunen, daß Dein Brief über ein Monat unterwegs gewesen ist. Ich bin soweit noch gesund, was ich auch von Euch hoffe. Bei uns fängt nun das Herbstwetter an, das das Vorwärtskommen erschweren wird. Der Winter, ob wir ihn noch erleben werden, wird bitter für uns arme Soldaten werden. Und wie wird es unserem Bruder Samuel gehen? Man kann sich schon fragen, ob für uns noch einmal die Sonne scheinen wird? Manchmal, wenn die Granaten heulen und der Tod spazieren geht, so denke ich an den Spruch "Ewige Treue, Retter in Not, rette auch unsere Seele, Du treuer Gott". So vergeht ein Tag nach dem anderen und was einem schwer erscheint wird leicht. Denn unser Leben war ein Kommen und am Wegesrand die Kreuze ermahnen das Gehen. Rauh und hart macht uns des Schicksals Hadern, das uns den Kampf ansagte auf Leben und Tod. Vorwärts heißt der Befehl und sollten wir angelangt sein, nimm es hin, einmal nimmt alles ein Ende. Solange uns aber das Leben geschenkt bleibt, wollen wir uns noch gegenseitig ermuntern. Ich möchte auch schreiben, daß Deine Brause gut angekommen ist. Leider ist es nicht mehr so heiß. Um eines bitte ich noch, um Saccharin, denn dieser Negerschweiß[29] will ohne Zucker nicht hinunter. Somit schließe ich mein Schreiben, hoffentlich ist mir wieder das Glück gegeben, Dir wieder zu schreiben. Ich schließe mein Schreiben mit vielen Grüßen an Mitzerl, Hilderl, Josef und Dir liebe Schwester mit Glück auf zu neuen Unternehmen Dein Bruder Adolf.“

Für die sowjetischen Verbände vor der Heeresgruppe Süd entwickelte sich die strategische Lage in der ersten Septemberhälfte äußerst ungünstig. Die Rote Armee konnte zwar die Front bei Kiew halten, aber an ihrer rechten nördlichen Flanke war die deutsche Heeresgruppe Mitte weit nach Osten vorgestoßen. Auch an der linken südlichen Flanke standen Teile der deutschen Heeresgruppe Süd schon weit im Osten, sodass sich ein fast gleichschenkeliges Dreieck mit einer Seitenlänge von 550 km ergab in dem sich rund eine Million sowjetische Soldaten aufhielt. Die Verlockung für Hitler war groß, diese riesigen Truppenmassen einzukesseln und so eine mögliche Flankenbedrohung für den Stoß auf Moskau auszuschalten. Er befahl daher gegen den heftigen Widerstand seiner Generäle die Heeresgruppe Mitte anzuhalten und wesentliche Teile wie die 2. Panzerarmee nach Süden abzudrehen. Die weit im Süden vorgestoßenen Panzerverbände der Heeresgruppe Süd drehten ihrerseits nach Norden ein und reichten den Verbänden der Heeresgruppe Mitte am 14. September 1941 hunderte Kilometer östlich von Kiew die Hände. In der größten Kesselschlacht der Weltgeschichte wurde der komplette Südflügel der Roten Armee vernichtet, mehr als 600.000 Gefangene wurden eingebracht.[30]

Während die Panzer-Divisionen die Außenränder des Kessels abdichteten, mussten die Infanterie-Divisionen den Kessel im Innern verkleinern und die dort sich verzweifelt zur Wehr setzenden Sowjetverbände vernichten oder zu Kapitulation zwingen. Die dicht zusammengedrängten sowjetischen Einheiten wehrten sich mit dem Mute der Verzweiflung und fügten oft auf lokaler Ebene den deutschen Verbänden schwere Verluste zu. Wie so ein Gefecht ablief, schilderte der damalige Chef von Adolf Kaipels Stabskompanie / IR 131 Hauptmann Heintzel:[31]

„Plötzlich brach hinter uns, wo durch eine versumpfte Bachniederung von den übrigen getrennt die Trosse des III.Bataillons und der 13.Kompanie lagen, heftiger Gefechtslärm los. Schüsse peitschten in rasender Folge durch die Nacht. MGs takten, Geschrei klang auf, das heisere 'Urrä' der Russen, dazwischen das dumpfe Krachen von Handgranaten. Wir waren in der pechschwarzen Finsternis zur Untätigkeit verdammt, wenn wir nicht die übrigen Trosse gefährden wollten, und mußten schweigend abwarten. Der Sanitäts-Dienstgrad der Stabskompanie, Unteroffizier A., wurde neben mir tödlich getroffen. Nach einer uns endlos dünkenden Zeit verstummte allmählich der Gefechtslärm. Wir konnten hören, daß die Russen die Troßfahrzeuge aufbrachen und plünderten. Nun schoß es auch am Nordrand unseres 'Igels', wo der Reiterzug sicherte. Bald meldete Oberfeldwebel G., daß er einen feindlichen Vorstoß abgewiesen habe. Er habe mit einem Stoßtrupp nachgefühlt und dabei im Nordteil des Dorfes starke Marschbewegungen in West-Ost-Richtung festgestellt. Die übrigen Trosse meldeten regelmäßig 'Nichts Neues'. So verging langsam die Nacht.“

Interessanterweise fand dieses Gefecht in der Nacht von 24. auf den 25. September statt. Adolf Kaipel schrieb, wenn das Datum auf dem Brief tatsächlich stimmt, nur wenige Stunden zuvor folgenden Brief an seine Schwester:

„Meine Lieben! Habe nun endlich wieder einmal Zeit, Dir einige Zeilen zu schreiben. Wir sind jetzt mitten im Einsatz, die Gefangenenzahl steigt jeden Tag, in unserem Regimentsabschnitt über 1500. Am Samstag erhielt ich von meinem Regimentskommandeur das Eiserne Kreuz (Anmerkung: 2. Klasse). Er drückte mir die Hand und wünschte mir auch weiterhin viel Erfolg. Der Regimentskommandeur erhielt vom Führer das Ritterkreuz (Anmerkung: Oberst Dr. Franz Beyer erhielt am 12. September 1941 das Ritterkreuz). Deine Briefumschläge habe ich bekommen und ich danke Dir vielmals. Sage der Mutter, sie soll mir Taschenlampenglühbirnen für eine Scheinwerferlampe, ein Taschenmesser und einen kleinen Spiegel schicken, da ich alles verloren habe. Sonst geht es mir noch zum Aushalten. Von Samuel habe ich auch eine Karte erhalten. Mit vielen Grüßen Euer Adolf“

Durch den Vormarsch der Wehrmachtsdivisionen drangen auch die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD immer weiter nach Osten vor. Sie waren zu dieser Zeit die Haupttäter des Völkermords an den Juden und zeichneten, je nach Schätzung, für 600.000 bis 1,5 Millionen getötete Menschen, in der Mehrzahl Juden, verantwortlich. Im Bereich der 6. Armee war dies die Einsatzgruppe C, die in Städten wie Zwiahel und Shitomir Massaker an der jüdischen Bevölkerung anrichtete. In beiden Fällen geschah dies jeweils fünf Tage bevor die nachrückenden Einheiten der 44. Infanterie-Division diese Städte passierten. Höhepunkt des Mordens dieser Einsatzgruppe war die Erschießung von mehr als 33.000 Menschen in der Schlucht von Babyn Jar in Kiew am 29. und 30. September 1941, also nur wenige Tage nach Adolf Kaipels obigen Brief an seine Verwandten. Die 6. Armee, zu der auch die 44. Infanterie-Division gehörte, unter ihrem Oberbefehlshaber Generalfeldmarschall Walter von Reichenau trug an diesen Kriegsverbrechen eine Mitverantwortung, weil sie zumindest durch Bereitstellung logistischer Hilfen das Morden der Einsatzgruppe C unterstützte.

Schlammperiode und Vormarsch auf Charkow - Oktober bis Dezember 1941

Nach dem Abschluss der Kämpfe im Kessel von Kiew wurde der Division ab 2. Oktober der Weitermarsch Richtung Osten mit dem Ziel Achtyrka befohlen. In der Nacht vom 6. auf den 7. Oktober 1941 fiel der erste Schnee, der die Straßen unpassierbar machte. Die deutsche Wehrmacht machte Bekanntschaft mit der Rasputiza, der Schlammperiode, die keinen LKW-Verkehr mehr zuließ. Auch Panzer konnten sich in dieser Schlammwüste nur sehr langsam vorwärts quälen. Am besten erging es noch der Infanterie, die sich abseits der zerfahrenen Straßen etwas besser bewegen konnte. Adolf Kaipels Infanterieregiment 131 kämpfte ab 10. Oktober vier Tage lang im Raum Achtyrka bis sie die Stadt vollständig vom Feind gesäubert hatte.[32] Adolf musste in ein Lazarett und schrieb am 10. Oktober folgenden Brief an seine Eltern:

„Liebe Mutter! Meine Kameraden gehen weiter nach Osten und ich mußte ein Lazarett besuchen, denn es ging nicht weiter mit der Ruhr. Draußen regnet und schneit es was vom Himmel fallen kann. Jetzt ist es nicht mehr schön in Rußland. Kein Weg, alle Fahrzeuge stecken. Es ist jetzt so trostlos, nicht zu beschreiben. Manche von meinen Kameraden haben schon Läuse, man kann schon fast sagen alle. Bis jetzt habe ich noch keine. Hans hat einmal gesagt, daß er eine Lausschmiere hat oder vielleicht bekommst Du eine in der Apotheke. Auch um eine Unterhose, aber nur aus Leinwand, möchte ich schon bitten. Es ist mir alles zerrissen. Und, liebe Mutter, mit den kleinen Pakten tut nicht so sparen, viel ist es nicht, aber man freut sich und es hilft im täglichen Leben. Bis jetzt habe ich alles bekommen, was Ihr mir geschickt habt. Liebe Mutter, ich würde schon gerne auf Urlaub fahren, aber bis jetzt ist von uns noch keiner gefahren. Es spricht sich aber herum, daß noch heuer für die kämpfenden Truppen Urlaubsmöglichkeiten bestehen. Ist es bei Euch noch schön oder ist es auch so saukalt? Weiter weiß ich nicht viel zu schreiben. Möge uns der liebe Gott doch einmal Frieden schenken und eine gesunde Heimkehr. Somit grüße ich Dich, liebe Mutter, Mitzerl und Adolf, auch Vater auf das Herzlichste mit einem baldigen Wiedersehen auch mit meinem lieben Bruder auf Gott befohlen Euer Adolf.“

In den nächsten Wochen quälten sich die Divisionen der 6. Armee weiter durch die Schlammwüste in Richtung Charkow. Östlich dieser Großstadt bezogen sie eine Sicherungslinie um nach Einsetzen des Frostes weiter nach Osten vorstoßen zu können. So zumindest lautete die Absicht der militärischen Führung. Die 44. Infanterie-Division hatte das scheinbare Glück als Armeereserve aus der Front gezogen zu werden und konnte ab 4. November Ruhequartiere direkt in Charkow zu beziehen. Die Truppe hatte es bitter nötig, denn laut Divisionsbericht war die Truppe zu 90 Prozent verlaust. Die Soldaten selbst glaubten in ihren Ruhequartieren überwintern zu können und dachten schon an das Weihnachtsfest.[33] Auch in Briefen, die Adolf Kaipel Ende November bzw. Anfang Dezember 1941 an seine Verwandten bzw. Familie Hirschberg schrieb, ist diese Zuversicht heraus zu lesen:

„Liebe Schwester! Wenn heuer in einigen Tagen die Weihnachtsglocken vom Turm ertönen, freut sich groß und klein, auch wenn das Geschenk noch so klein ist. Leider kann ich dieses Jahr nicht die Freude teilen und muß das große deutsche Familienfest fern der Heimat verbringen. Die Freude, die Ihr mir aber in diesen schweren Tagen des Kampfes mit Euren Liebespaketen gemacht habt, kann ich leider nicht anders begleichen, als daß ich heute auf Deinen Namen, liebe Schwester, 30 Reichsmark aufgegeben habe. Die sollen für meine kleinen Nichten ein Weihnachtsgeschenk sein und ich bitte Dich, liebe Schwester, sie als Geschenk für sie anzulegen. Kaufe dementsprechend, sie sollen auch einmal eine Freude haben und nicht nur immer bitten müssen für ihren Onkel. Nächstes Jahr wollen wir alle gemeinsam dieses Fest begehen, das uns bestimmt die bitteren Tage vergessen läßt. Und nun wünsche ich Euch allen ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein Flehen zum Herrn, dies kommende Jahr uns als Sieges- und Friedensjahr zu schenken. Gott befohlen auf ein freudiges Wiedersehen 1942 Euer Adolf“

„Liebe Familie Hirschberg! Wie oft denke ich an die Zeiten der Vergangenheit, wo mir vor zwei Jahren das Glück zuteil wurde, Weihnachten im Kreis Ihrer Familie zu verbringen. Wie schön es war, dieses große Familienfest bei Volksgenossen, bei einer Familie, die mir bestmöglich meine Heimat ersetzte, zu verbringen, wird mir erst in Rußland bewußt. Wie das schöne Studentenlied, oh Heidelberg, so denke ich von Gandersheim. Eine Erinnerung, die in dieser Zeit so manchesmal das unschöne Los leichter ertragen läßt und darüber hinweghilft. Zwei Jahre sind seither vergangen, die den Weg Tausende Kilometer vom Heimatort entfernten. Und da die Glocken bald wieder zu diesem Fest aufrufen, so will ich Ihnen Frohe Weihnachten und ein gesegnetes siegbringendes Neues Jahr wünschen. Ihr Adolf Kaipel“

„Meine liebe Schwester! Heute am Jahrestag meiner dreijährigen Dienstzeit lasse ich wieder die Feder dahingleiten, die Dir Grüße bringt von Deinem Bruderherz. Kann Dir auch die freudige Mitteilung machen, daß ich das stolzeste Abzeichen, das die Infanterie bekommen kann, heute erhalten habe. Dieses Infanteriesturmabzeichen wird mich an so manche traurige Stunde erinnern, die ich hier mitmachen mußte. Und wenn ich Dir, liebe Schwester, jetzt für einige Zeit nicht schreiben kann, dann kränke Dich nicht, unser Pfarrer gab mir den schönen Vers "Warum sollt ich mich grämen. Es ist bestimmt kein Grund dafür." Frühzeitig ist jetzt der Winter vor der Tür, doch mit seiner Hilfe wird alles wieder leichter werden. Berichte auch Mutter von meiner Auszeichnung und ich freue mich schon, wenn ich einmal Urlaub bekomme. Schick mir auch wieder einmal Briefpapier, es geht schon wieder zu Ende. Gestern erhielt ich auch von Stumpfel Elfi einen Brief, die ich gar nicht kenne. Auch meiner schwer geprüften Resi Tante habe ich gestern geschrieben. Habe heute Regimentswache. Die Uhr geht schon auf halb 11 und wie glücklich fühle ich mich heute, meiner lieben Schwester wieder einen Brief schreiben zu dürfen. Also in kommenden Friedensjahr auf ein fröhliches Wiedersehen mit vielen Grüßen Euer Adolf“

Winterkämpfe am oberen Donez - Dezember 1941 bis April 1942

Die Rote Armee hatte unbemerkt von der deutschen Führung aus Sibirien große Truppenkontingente vor allem an die Front vor Moskau herangeführt. Am 5. Dezember begann die sowjetische Gegenoffensive, welche die ausgelaugten, nicht auf den russischen Winter vorbereiteten, deutschen Divisionen völlig überraschend traf. Besonders bei der Heeresgruppe Mitte kam es dadurch zu existenzgefährdeten Krisen bei vielen deutschen Einheiten.

Bei der Heeresgruppe Süd wurde die Rote Armee im Dezember 1941 noch nicht in diesem Ausmaß offensiv. Trotzdem war für die Soldaten der 44. Infanterie-Division der Traum von den warmen Winterquartieren in der ersten Dezemberwoche zu Ende, da die Division den Befehl erhielt, ab 7. Dezember Angriffsoperationen in Richtung oberen Donez in den Raum Balakleja durchzuführen. Wie der Zufall es wollte, war die linke Nachbardivision bei diesem Angriff und auch während der Verteidigung in den nächsten Monaten die 297. Infanterie-Division, die Einheit von Johann Nicka, dem besten Freund von Adolf Kaipel. Am 10. Dezember erreichte das Infanterie-Regiment 131 ein rund 10 km östlich von Balakleja gelegenes Dorf, wo man auch Weihnachten und Silvester verbrachte. Ausgerechnet am 24. Dezember fielen einige Soldaten aus Adolf Kaipels Stabskompanie durch Artilleriebeschuss. Die Temperatur sank nun auf bis zu -30 Grad Celsius und verursachte immer wieder Erfrierungen bei den nur unzulänglich ausgerüsteten deutschen Soldaten.[34] In dieser Zeit schrieb Adolf Kaipel einige Briefe an seine Verwandten:

„Meine liebe Schwester! Habe vielen Dank für das Weihnachtspaket, das guterhalten bei mir eingetroffen ist. Tränen würden mir kommen, bei dem schönen mit Liebe zurechtgemachten Paket, wäre die Lage in der wir uns befinden nicht noch härter. Dauernd Tag für Tag mußten wir uns auf das Schlimmste, das einem im Krieg bevorsteht, vorbereiten. Am fürchterlichsten ist die Nacht vor der es uns schon immer graut. Wie diese Weihnachten sein werden, weiß nur Gott. Die Russen haben vor einigen Tagen unseren Troß überfallen. Alles ist jetzt weg, nur die Wäsche, die wir anhatten, ist uns geblieben. Unser Hoffen und Flehen steht nun bei Gott, daß er uns bald den Frieden schenke. Nochmals vielen Dank, Dir, liebe Schwester, und meinen kleinen Nichten auf ein baldiges frohes Wiedersehen im Jahr 1942. Mit herzlichen Grüßen Dein Bruder Adolf“

„Meine liebe Schwester! Gleich noch einige Zeilen bevor ich schlafen gehe. Dein liebes Paket erhielt ich in größter Ordnung und er paßt ausgezeichnet. Nur, liebe Schwester, für diese Kälte ist er noch zu wenig und außerdem ließ ich mir schon von einer Russin einen machen. Wir haben jetzt 40 Grad unter Null, es ist fast nicht mehr auszuhalten. Die Gedanken an einen Urlaub lassen wir schwinden, hier an der Front ist von einer Ablöse keine Rede. Vielen Dank, liebe Schwester, und einen herzlichen Gruß an alle Euer Adolf

Liebes Brieflein flieg weiter, nimm den Gruß mit den Kuß, und ich kann Dich nicht begleiten, weil ich hier bleiben muß. Adolf“

„Meine liebe Schwester! Wie oft und noch dazu jetzt, wo man sich gern auf ein Wiedersehen freut, denke ich an Euch und daran wie schön es sein könnte, wenn Frieden auf Erden wäre. Deinen Brief vom 25. erhielt ich mit großer Freude. Auch ich bin noch gesund, was ich auch von Euch hoffe. Bei uns dauert die Kälte an und auch die Läuse plagen uns nach wie vor. Glaube mir, liebe Schwester, alles ist betrübt. Wenn es doch einmal nur Urlaub gäbe. So werden Stunden manchmal zu Tagen und Wochen und wenn nach sieben Wochen einmal eine Antwort von zu Hause kommt, dann weiß man erst recht nicht, wie die Zeit verging. Die Wege, auf die uns diesmal der Führer geschickt hat, sind schwer. Und solltest Du ein Damenrad für Mitzerl irgendwo auftreiben können, so schreib mit, das kaufe ich ihr, damit sie öfters ihre Riedlingsdorfer Großmutter besuchen kann. So muß ich meine Zeilen wieder beenden, hoffentlich besuchen uns diese Nacht nicht die Russen. Seid vielmals gegrüßt Euer Adolf“

Am 18. Jänner begann aber auch bei der Heeresgruppe Süd eine gewaltige sowjetische Gegenoffensive. Der nördliche Rand dieser Angriffsoperation traf den rechten Nachbarn der 44. Infanterie-Division, die 298. ID und ihre südlichen Nachbarn. Die deutschen Divisionen hatten den sowjetischen Verbänden nur wenig entgegen zu stellen und wurden durch die gegnerischen Angriffsgruppen überrannt und teilweise vernichtet. Bald klaffte in der Front der Heeresgruppe Süd ein Lücke durch welche sowjetische Einheiten 100 km nach Westen vorstoßen konnten, bevor sie von deutschen Verbänden zum Halten gebracht werden konnten, der Frontbogen von Isjum war entstanden.[35]

Für die 44. Infanterie-Division war über Nacht eine vollkommen neue Situation entstanden, befand sie sich nun an einem Frontabschnitt an dem es nach rechts keine Verbindung gab. Zuerst versuchte man durch lokale Gegenangriffe, die 298. Infanterie-Division zu entlasten, doch nachdem diese von der Bildfläche verschwunden war, wurden die Einheiten an den Donez zurückbeordert. Dem Infanterie-Regiment kam nun in den nächsten Wochen und Monaten eine Schlüsselrolle zu. Es besetzte das Städtchen Balakleja von dem die deutsche Front scharf nach Westen bog. Der Eckpfeiler Balakleja war von strategischer Bedeutung für die gesamte 6. Armee, führte doch dessen Verteidigung zu günstigeren Ausgangsstellungen für die deutsche Frühjahrsoffensive. Dementsprechend heftig waren auch die Angriffe der Roten Armee auf diese Stadt und den nördlich davon gelegenen Dörfern, welche von den beiden Schwesterregimenter des IR 131 gehalten wurden. Zwar gab es immer wieder lokale Krisen, aber die Einheiten der 44. Infanterie-Divisionen hielten den Angriffen bis ins Frühjahr stand.[36]

Adolf Kaipel schrieb an diesem schicksalhaften 18. Jänner 1942, an dem sich einige Kilometer südlich seines Standortes die sowjetische Gegenoffensive über die deutsche Verteidigungsstellungen ergoss, einen Brief an seine Schwester. Der nächste erhalten gebliebene Brief datiert dann schon auf März 1942.

„Meine liebe Schwester! Deinen lieben Brief vom 15.12. habe ich mit großer Freude erhalten. Bin soweit immer noch gesund, will auch das Gleiche von Euch erhoffen. Manchmal sinkt auch bei uns die Temperatur auf -40 Grad. Es ist fast nicht zum Aushalten. Was so ein Kampf im Winter heißt, kann man keinem Mensch der Heimat beschreiben. Am Heiligen Abend habe ich von zu Hause ein Paket bekommen, das ich leider nicht unter dem Weihnachtsbaum sondern in einem Unterstand öffnen mußte. Die Russen schossen wie verrückt, die haben ihre sibirischen Truppen eingesetzt. Wollen hoffen, diesen harten Winter glücklich zu überstehen, dann werden uns doch auch einmal nach langem harten Kampf die Rosen blühen. Jetzt warte ich schon wieder hart auf ein Packerl. Die Mutter soll mit dem Geld machen, wie sie es für richtig hält. Sie soll ja nicht auf ihre Zähne vergessen, denn sonst bin ich böse. Kann sie das Geld nirgends anlegen, so soll sie es in die Kassa geben, aber am besten ist, sie wartet noch damit, denn bis zum Frühjahr müßte ich doch im Urlaub sein. Wenn mich bis dahin das Schicksal bewahrt, dann werden wir uns ja sehen. Und zum Schluß herzliche Grüße von der Front Euer Adolf“

„Liebe Schwester! Mit vielen Freuden erhielt ich heute Deinen Brief mit Zigaretten und vier Packerl mit Zuckerl. Ich verlange freilich nicht, liebe Schwester, daß Du Dich so einsetzt. Ich habe großes Verständnis, daß es hart ist, etwas aufzutreiben und ich bitte Dich solcherlei Geschenke zu unterlassen, das doch den Kindern gehört. Übrigens lasse ich schon lange das Naschen. Ich bin ein bescheidener Raucher geworden. Mutter schickte mir bis jetzt noch jede Woche 25 Sport oder ..., das sind meine Lieblingszigaretten und ich komme damit gut aus. Also, liebe Schwester, denk mit solchen Gedanken lieber an Hilderl und Mitzerl. Wir sind hier an der Front doch schon rauhe und alte Gesellen geworden. Jetzt kommt schon Ende März und wir haben hier immer noch eine Kälte von 34 Grad. Jedoch sind wir schon so abgehärtet, daß sie uns nicht mehr viel anhaben kann. Die Russen haben sich an unseren Stellungen ihren Globus saftig angerannt, so daß sie jetzt sehr selten es wagen werden, unsere Ruhe zu stören. Sonst bin ich soweit gesund, hoffe auch dasselbe Glück von Euch. Ein schönes Sprichwort, das unser Gemüt trotz allem nicht sinken läßt, heißt: "Kummer heißt trotzdem lachen". Nun schließe ich mit vielen Dank und herzlichen Grüßen. Gott schütze tausendmal Euer Adolf“

Frühjahrsschlacht bei Charkow - Mai 1942

Der Frontbogen von Isjum beflügelte die Phantasie der Militärstrategen auf beiden Seiten der Front. Die deutsche Führung beabsichtigte im Jahr 1942 die Entscheidung auf dem Südflügel der Ostfront zu suchen und in Richtung Stalingrad und Kaukasus vorzustoßen. Zuvor mussten jedoch die sowjetischen Armeen im Isjumer Frontbogen vernichtet werden. Der Plan sah vor, am 18. Mai von Norden und Süden den Frontbogen abzuschneiden und die so eingekesselten Divisionen der Roten Armee zu vernichten. Auch der Gegner blieb nicht untätig. Er wollte den Frontbogen seinerseits nutzen und in nordwestlicher Richtung nach Charkow vorzustoßen um es von Süden zu umfassen. Weiter im Norden sollte bei Woltschansk eine zweite Offensive starten, die zu einer Nordumfassung von Charkow führen sollte. Die Rote Armee kam der Wehrmacht mit ihren Planungen zuvor und startete bereits am 9. Mai ihre Offensive, die vor allem im Süden beträchtliche Geländegewinne brachte. Die sich daraus entwickelnde Frühjahrsschlacht bei Charkow endete aber trotzdem mit einer herben Niederlage der Roten Armee, weil die Panzerverbände der Heeresgruppe Süd von Süden in den Frontbogen von Isjum hinein stießen und so die sowjetischen Angriffsdivisionen von ihren Nachschubbasen abschnitten und bis Ende Mai vernichteten. Im Norden gelang es den Stoß bei Woltschansk abzufangen und auch an dieser Stelle der Front wieder die Initiative zu gewinnen.[37]

Auch die 44. Infanterie-Division wurde vom Angriff der Roten Armee überrascht. Anfang Mai sollte sie von der frisch aus Frankreich herangeführten 71. Infanterie-Division abgelöst werden. Das IR 194 dieser Division hatte bereits die Stellungen des IR 131 in Balakleja besetzt als weiter im Norden bei Woltschansk die sowjetische Offensive begann. Adolf Kaipels Infanterie-Regiment 131 wurde kurzerhand der 71. Infanterie-Division unterstellt und in den Raum Nepokrytaja in Marsch gesetzt. In der Zwischenzeit waren auch die 3. und 23. Panzer-Division in Marsch gesetzt worden. Zusammen mit diesen beiden Panzer-Divisionen gelang es der 71. Infanterie-Division mit dem unterstellten IR 131 den nördlichen Zangenarm der sowjetischen Offensive 20 km vor Charkow zum Stehen zu bringen.[38]

Bei diesen Kämpfen fiel Josef Pöll, ein Regimentskamerad von Adolf Kaipel aus Riedlingsdorf. In einem Brief vom 19. Mai nimmt er darauf Bezug:

„Liebe Schwester! Endlich komme ich wieder dazu einige Grüße zu schreiben. Auch erhielt ich heute an meinem Geburtstag Deinen Brief. Aber, liebe Schwester, ich muß Dich vorbereiten, das Schicksal ist unbarmherzig. Pöll Josef, der Mann von Fleck Liesl Nr. 55, ist vorgestern gefallen. Jetzt bin ich schon solange Soldat, doch so schlimm war es noch nie. Ich bin auf alles gefaßt. Werde Mutter nicht mehr solche Dinge schreiben, bleibe aber Du meine gute Schwester und sollst unser lieben Mutter beistehen, wenn uns das Schicksal abberuft. Bisher sind 240 russische Panzer im Raum Charkow vernichtet worden. Nun so lasse alle vielmals grüßen und auch meine kleinen Nichten. Auf Gott befohlen Euer Adolf“

Deutsche Sommeroffensive - ab Juni 1942

Nach den Verlusten des Winters war es dem deutschen Ostheer nicht mehr möglich an allen Frontabschnitten offensiv zu werden. Der Schwerpunkt wurde daher zu Heeresgruppe Süd verlegt, die man in die Heeresgruppen A (mit dem Fernziel Kaukasus) und B (Fernziel Stalingrad) teilte. Für die 44. Infanterie-Division begann die Sommeroffensive am 10. Juni 1942. Zunächst gelang es die sowjetischen Stellungen zu durchbrechen und etwa 30 km Raumgewinn zu erzielen. Am 11.6. wurde die Division aber von 50 feindlichen Panzern angegriffen, welche durch herbei gerufene Stukas im letzten Moment vernichtet werden konnten. Weitere Panzerangriffe führten dazu, dass sich die Division fast zehn Tage lang in diesem Raum aufhalten musste.[39] Adolf Kaipel gelang es in der Nacht von 11. auf den 12. Juni einen sowjetischen Panzer zu zerstören, wobei drei Sowjetsoldaten den Tod fanden, wie der am 30. Juni ausgestellte Regimentstagesbefehl bezeugte:

„Infanterieregiment 131 Rgt.-Gef.Stand, 30.6.1942 Abteilung Ia.“

„R e g i m e n t s t a g e s b e f e h l“

„1.) Anerkennung Für sein mutiges und tapferes Verhalten bei der Bekämpfung von feindlichen Panzerkampfwagen spreche ich dem Uffz. Ka i p e l - Rgt.Pi.- Zug IR 131 meine v o l l e A n e r k e n n u n g aus. Uffz. Kaipel hat am 12.6.1942 gegen 02.30 Uhr 70 m vor dem Gefechtsstand III./131 einen feindlichen Panzer vernichtet. Während der Nacht hatte dieser Panzer den Gefechtsstand beschossen. Im Morgengrauen arbeitete sich Uffz. K. heran und brachte eine geballte Ladung hinter dem Turm an. Der Panzer wurde durchschlagen und 2 Mann der Besatzung getötet, während sich der Dritte mit der Pistole zur Wehr setzte. Er wurde von K. mit der MPi erledigt. Der Panzer brannte aus. Kdeur. Für die Richtigkeit der auszugsweisen Abschrift: Schatte e.h. Olt. u. Kp.-Führer“

Adolf Kaipel hatte aber selbst nur mehr eine Woche zu leben, denn die 44. Infanterie-Division näherte sich langsam der Stadt Kupjansk, wo sich sein Schicksal erfüllen sollte. Sein letztes Lebenszeichen stammte ebenfalls vom 30. Juni 1942 als er folgende Karte an seine Schwester schrieb:

„Liebe Schwester! Deine Päckchen erhielt ich mit Freuden und sei vielmals bedankt. Es geht mir soweit noch ganz annehmbar, was ich ja von Euch auch erhoffe. Seid vielmals gegrüßt aus dem Felde Euer Adolf“

Adolf Kaipels Tod am 6. Juli 1942

Ende Juni verlegte das Infanterie-Regiment 131 in den Norden von Kupjansk, um einen sowjetischen Brückenkopf zu beseitigen. Danach kehrte es nach Kupjansk zurück.[40] Dort wurde Adolf Kaipel am Abend des 6. Julis mit seiner Pioniergruppe zum Verlegen von Minen beauftragt. Aus ungeklärter Ursache detonierte eine der Minen und verletzte ihn so schwer, dass er einige Zeit später daran verstarb.

Am 8. Juli schrieb Oberleutnant Reinhold Schatte, der Kompaniechef der Stabskompanie des IR 131, folgenden Brief an die Familie von Adolf Kaipel in dem er die näheren Umstände des Todes erklärte. Der Brief war natürlich, wie es damals üblich war, nicht frei von den üblichen Durchhalte- und Beschönigungsparolen:

„Sehr geehrte Frau Kaipel! Leider muß ich Ihnen, die für uns alle, besonders jedoch für Sie traurige Mitteilung machen, daß Ihr Sohn, Unteroffizier Adolf Kaipel, am 6.7.42 in Kupjansk gefallen ist. Er war am Abend des 6.7. mit seiner Gruppe zum Verlegen von Minen eingesetzt, als eine der Minen auf ungeklärte Weise zur Entzündung gebracht wurde. Dabei wurde er durch Splitter am Kopf verwundet und ist ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben, gestorben. Er wurde gestern in Kupjansk in der Nähe des Postamtes zur letzten Ruhe gebettet. Wir verlieren mit Ihrem Sohn nicht nur einen unserer tüchtigsten und tapfersten Unteroffiziere, sondern auch einen der beliebtesten Kameraden, der durch sein freundliches, offenes und besonders kameradschaftliches Wesen allen ans Herz gewachsen ist und wir sind daher durch den Verlust besonders getroffen worden. Wir werden ihn nie vergessen und ihm stets ein ehrendes Andenken bewahren. Mögen Sie den Verlust leichter ertragen eingedenk der Tatsache, daß Ihr Sohn sein Leben gab für Führer, Volk und Vaterland. Entsprechend der Größe der Zeit sind die Opfer, die der Krieg von uns fordert und unsere Aufgabe soll es sein, dafür zu sorgen, daß die Opfer nicht umsonst gebracht wurden. Indem wir unser Leben weiter dieser Aufgabe widmen und dem Heldentode unserer Gefallenen einen Sinn geben, grüße ich Sie mit aufrichtigem Mitgefühl. Ihr Reinhold Schatte e.h. Olt. u. Komp.-Führer“

Ein zweiter Brief erreichte die Familie Kaipel Wochen später von einem Kameraden von Adolf. Hermann Gartner schrieb diese Nachricht am 31. August, die Division war in den zurück liegenden Wochen 400 km nach Osten marschiert und hatte an der Kesselschlacht bei Kalatsch teilgenommen. Nun sicherte sie die tiefe linke Flanke der 6. Armee am Don, während deren Divisionen vor Toren vor Stalingrad standen.[41]

„Sehr geehrte Frau Kaipel! Sie haben sicher schon lange auf eine Nachricht der Kameraden von Adolf gewartet, und ich bitte Sie, vielmals entschuldigen zu wollen, daß es so lange gedauert hat. Aber Sie werden ja verstehen, wenn man täglich so und so viele Kilometer marschieren muß oder im Kampfe steht, da hat man keine Zeit zum Schreiben. Jetzt geht es besser, es ist etwas ruhiger geworden und da will ich das Versäumte nachholen. Vor allem dürfen Sie unserer allerherzlichsten Anteilnahme an diesem schweren Verlust versichert sein! Wir selber konnten es gar nicht fassen, daß unser lieber und guter Kamerad Adolf nicht mehr am Leben sein sollte. Wie oft hat er, der immer lustig und heiter war, auch in schweren Lagen und an heißen Tagen durch seinen Humor aufgemuntert und wie oft habe ich mit ihm über die Heimat und über die Zukunft geplaudert. Aber das Schicksal hatte es anders gewollt und davor können wir uns in Ehrfurcht neigen. Sein Andenken werden wir alle immer in Ehren halten! Das Grab haben wir natürlich fotografiert. Sobald die Bilder ankommen (das dauert leider längere Zeit, bis sie aus der Heimat eintreffen) erhalten Sie sofort eines davon. Über den genauen Standort des Grabes, das ich mit noch einem Kameraden wenige Stunden vor unserem Abmarsch aus K., so gut es möglich war, hergerichtet habe, füge ich eine kleine Zeichnung bei. In der Hoffnung Ihnen trotz Ihres großen Schmerzes eine kleine Freude bereitet zu haben, bleibe ich mit den herzlichsten Grüßen für Sie und Ihre Angehörigen Ihr Hermann Gartner.“

Nachbetrachtungen

Tod von Johann Nicka am 31. Juli 1942

Johann Nicka, der beste Freund von Adolf Kaipel, überlebte ihn nur um drei Wochen. Er fiel am 31. Juli 1942 bei Blisch Melnitschnyi im Zuge von Kämpfen während des Vormarsches seiner 297. Infanterie-Division nach Stalingrad. Sein Grab konnte bis jetzt von Umbettern des Volksbundes Deutsche Kriegsgräbefürsorge noch nicht lokalisiert werden.

An die beiden Freunde, die letztendlich Opfer ihrer eigenen politischen Überzeugung wurden, erinnert heute in Riedlingsdorf das Kriegerdenkmal. Zufälligerweise befinden sich ihre Familiengräber, auf deren Grabsteine ihre Namen vermerkt sind, auf dem örtlichen Friedhof nur wenige Meter voneinander entfernt, während ihre tatsächlichen Gräber tausend Kilometer weiter im Osten in der Ukraine liegen.

Untergang der 6. Armee im Kessel von Stalingrad - Jänner 1943

Adolf Hitler wird nachgesagt, dass er einst schwärmte, dass er mit der 6. Armee den Himmel stürme könne.[42] Tatsächlich erreichten die Spitzen der Armee am 23. August im Norden der Stadt Stalingrad die Wolga. Die Rote Armee hatte sich in den Wochen zuvor immer wieder zurückgezogen um nicht eingekesselt und vernichtet zu werden. In der Stadt, die Stalins Namen trug, war dieser Rückzug zu Ende, denn die Stadt wurde mit allen Mitteln verteidigt. Der Häuserkampf, der nun folgte, ließ die Kampfeinheiten der 6. Armee zusammenschmelzen.

In der Schlacht von Stalingrad fielen überdurchschnittlich viele Österreicher, weil drei der 21 später im Kessel von Stalingrad eingeschlossenen und vernichteten Divisionen im Wehrkreis XVII aufgestellt worden waren und daher viele Österreicher in ihren Reihen hatten. Neben Adolf Kaipels 44. Infanterie-Division und Hans Nikas 297. Infanterie-Divison bestand die Masse der 100. Jäger-Division aus Soldaten aus Oberösterreich. In den ersten Wochen der Schlacht blieb diese Division von den verlustreichen Häuserkämpfen verschont, aber am 21. September 1942 erhielt auch sie den Befehl ins Stadtzentrum vorzurücken, um dort in den Kampf einzugreifen. In der Divisionsgeschichte wurde der Eindruck, der sich den oberösterreichischen Soldaten dabei bot, folgendermaßen beschrieben:[43]

„Zwischen dem 23. und 25.September zogen die Kampfeinheiten der 100. in Stalingrad ein. Schon weit vor der Stadt, auf der Hochebene zwischen Don und Wolga, hörte man das dumpfe Grollen der Schlacht. Nach Überwindung der letzten kleinen Anhöhe sah man ein Meer niedriger Häuser, manchmal ragten Hochbauten und Fabriksschornsteine heraus, dahinter wand sich das in der Sonne glitzernde Band der Wolga und dahinter lag eine dunstige Ebene. Während im Südteil der Stadt Ruhe herrschte, standen über der Stadtmitte Qualmwolken, aus denen, ein riesiger Silo hervorragte. Der Nordteil von Stalingrad lag völlig in dunkle Wolken gehüllt. Brennendes Öl und Detonationswolken fallender Bomben bildeten eine dicke Schicht über den Häusern. Darüber schwebten zahllose kleine weiße und dunkle Wölckchen; die russische Flak schoß, was die Rohre hergaben. Derjenige, der bei Nacht in die Stadt hineinkam, konnte vor den schwelenden Bränden die Silhouetten der Häuser erkennen. Der Himmel war von zahlreichen Scheinwerfern erhellt und die deutsche Flak feuerte auf die russischen Bomber. So wie der Tag der deutschen Luftwaffe gehörte, war die Nacht die Domäne der sowjetischen Luftflotte. Auch jenseits der Wolga sah man nachts Scheinwerfer, manche wiesen durch 'Nicken' des Lichtstrahls die Nachtbomber auf ihre Ziele am westlichen Wolgaufer ein.“

Auch die 44. und die 297. Infanterie-Division, die westlich bzw. südlich im weiten Vorfeld der Stadt Sicherungsaufgaben übernommen hatten, blieben zunächst von den Kämpfen verschont. Als aber am 19. November 1942 die Rote Armee die Operation Uranus, die zur Einkesselung der 6. Armee führte, begann, standen beide Einheiten auf einmal im Brennpunkt des Geschehens. Beide österreichische Divisionen mussten sich in der deckungslosen Steppe eingraben und sich den Angriffen vielfach überlegener sowjetischer Einheiten erwehren. Die 44. Infanterie-Divison, die an der Westfront des Kessels eingesetzt war, gelang es wochenlang den Angriffen der Roten Armee standzuhalten, ehe sie sich Schritt um Schritt nach Osten in Richtung der Stadt zurückzog, wo die letzten der in völliger Auflösung begriffenen Einheiten am 2. Februar 1943 kapitulierten. Aufgrund ihrer Leistungen bei der Verteidigung der Kesselfront wurde die 44. Infanterie-Division als erste der in Stalingrad untergegangenen Divisionen wieder als 44. Reichsgrenadier-Division „Hoch- und Deutschmeister“ aufgestellt.

Die eingeschlossenen Soldaten hingegen erlebten im Kessel die Hölle auf Erden, viele wurden getötet, viele kamen in Gefangenschaft und nur ganze 6.000 von 200.000 sahen die Heimat wieder. Über das Schicksal der Kameraden von Adolf Kaipels Pionierzug und seines Kompanichefs gibt die Divisionsgeschichte Auskunft:[44]

„Am Ostrand des inzwischen verlorengegangenen Flugplatzes Pitomnik fand die 'Kampfgruppe Walther' wieder Anschluss an die 44.ID, die hier in einer neuen Verteidigungslinie lag. Ihre Gliederung von rechts: IR 131, I./IR 230, Pionierzug/IR 131, Festungsbataillon 1; Anschluss links: 'Kampfgruppe Boje' (IR 134). Der Gegner brach in ihre Reihen ein, noch ehe sie sich zur Verteidigung einrichten konnten und drückte zwischen Pionierzug/IR 131 (Anmerkung: Das waren die Kameraden von Adolf Kaipel) und I./IR 230 durch. Der Versuch, diesen Einbruch im Gegenstoß zu bereinigen, misslang. Oberleutnant Schatte (Anmerkung: Adolf Kaipels Kompaniechef) fand dabei den Tod. Zu einem planmäßigen Angriff fehlen die Kräfte. Panzer gab es nicht mehr, der Rest der gesamten Divisionsartillerie hatte wenige Kilometer ostwärts die Stellung 'letzte Batterie' bezogen, doch war wegen Munitionsmangel mit wirksamer Feuerunterstützung nicht mehr zu rechnen. Die Infanterie, nur noch auf ihre leichten Waffen angewiesen, befand sich am Ende ihrer Kräfte.“

Auch die Rote Armee hatte in der Schlacht von Stalingrad, bei der Verteidigung ihrer Heimat gegen den deutschen Angreifer, enorme Verluste erlitten, Schätzungen gehen von mindestens einer halben Million gefallener Rotarmisten und mindestens ebensovielen Verwundeten aus. Unermesslich auch das Leid der Zivilbevölkerung. In der Stadt lebten laut dem Historiker Jochen Hellbeck vor dem deutschen Angriff eine halbe Million Menschen. Nach der Kapitulation der 6. Armee fanden sich nicht einmal 8.000 Überlebende ein, die in Kellern und Häuserruinen die monatelangen Kämpfe überstanden hatten.[45] Wie viele Zivilisten tatsächlich in dieser Zeit ums Leben kamen, wird sich vermutlich nie klären lassen, weil viele auch mit Fähren über die Wolga evakuiert wurden.

Suche nach dem Grab von Adolf Kaipel

Im Jahre 2003 suchten die Umbetter des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge auf dem ehemaligen Soldatenfriedhof von Kupjansk nach den dort begrabenen deutschen Soldaten. Nach längerem Hin und Her gab der Volksbund bekannt, dass man das Grab von Adolf Kaipel nicht finden konnte, da in den Jahren nach dem Krieg ein ziviler Friedhof über dem ehemaligen deutschen Friedhof entstanden war. Auf dem deutschen Sammelfriedhof von Charkow[46], den der Volksbund im Jahre 1998 einweihte, wurde daher der Name von Adolf Kaipel im Gedenkbuch des Friedhofes vermerkt[47], während seine Gebeine immer noch in Kupjansk ruhen.

Der Großneffe von Adolf Kaipel versuchte mit Hilfe von akutellen Luftbildern und einer ungenauen schematischen Lageskizze des Friedhofes aus dem Jahre 1942 die mögliche Lage des Friedhofes bzw. des Grabes zu ermitteln:

Weiteres Schicksal der erwähnten Personen

In den oben zitierten Briefen wird eine Reihe von Personen erwähnt, dessen weiteres Leben hier kurz skizziert wird:

  • Walter Hirschberg (Freund von Adolf Kaipel in Bad Gandersheim): Der Briefverkehr zwischen Adolf Kaipels Großneffen Heinz Bundschuh und dem pensionierten Polizeioberst Walter Hirschberg währte über zwei Jahrzehnte, ehe er Mitte der 2000er-Jahr abriss. Nachforschungen von Heinz Bundschuh führten zu keinem Ergebnis, daher dürfte Walter Hirschberg, der zu diesem Zeitpunkt Mitte Achtzig war, verstorben sein.
  • "Mitzerl" (Maria, Nichte von Adolf Kaipel): Sie überlebte den Krieg, heiratete und wurde mehrfache Mutter und Großmutter. Anfang 2018 verstarb sie im Alter von 86 Jahren in Pinkafeld.
  • Maria (Mutter von Adolf Kaipel): Sie überlebte den Krieg und verstarb 1968 im Alter von 85 Jahren in Riedlingsdorf.
  • Maria (Schwester von Adolf Kaipel): Sie verlor im Zweiten Weltkrieg nicht nur ihren Bruder Adolf sondern auch ihren Ehemann. Zusammen mit ihren beiden Töchtern Mitzerl (Maria) und Hilde lebte sie nach Kriegsende in Pinkafeld, wo sie hochbetagt 1995 verstarb.
  • Samuel Kaipel (Bruder von Adolf Kaipel): 1943 verstarb nach einer Kehlkopfoperation seine Frau Maria (geb. Glatz). Sein damals 5-jähriger Sohn Adolf wurde zunächst von dessen Großmutter Maria aufgezogen. Samuel Kaipel verbrachte den Rest des Krieges mit dem Gebirgs-Jäger-Regiment 139 in Finnland. Zu Kriegsende kam er in britische Kriegsgefangenenschaft, aus der er nach einigen Monaten entlassen wurde und nach Riedlingsdorf zurückkehrte. 1946 heiratete er seine Nachbarin Hermine Tunkl. Diese war ebenfalls Witwe, weil ihr Ehemann Erich Hoffmann 1944 nach nur sechs Wochen Ehe an der Ostfront gefallen war. Hoffmann stammte aus der deutschen Stadt Diepholz und auch über seine Familie hatte der Zweite Weltkrieg furchtbares Leid gebracht, denn nicht nur er, sondern auch seine drei Brüder überlebten den Krieg nicht, sodass kein einziger Sohn der Familie Hoffmann aus dem Krieg zurückkehrte. Der Ehe von Samuel Kaipel und Hermine Tunkl entsprang eine Tochter, die Mutter des Großneffen von Adolf Kaipel, Heinz Bundschuh. In diesem fand Samuel Kaipel einen aufmerksamen Zuhörer, dem er mit der Erzählung seiner Kriegserlebnisse nicht nur Inspiration war, die Familiengeschichte in dieser Zeit aufzuarbeiten sondern auch jene der Region. So gibt es heute eine Reihe von Artikeln, in denen die Zeit des Zweiten Weltkrieges, das Schicksal der jüdischen Gemeinden des Burgenlandes oder das jüdischer Zwangsarbeiter beim Bau des Südostwalls behandelt werden.

Mediale Aufarbeitung

Im Zuge von Renovierungsarbeiten in den 1990er-Jahren im Elternhaus von Adolf Kaipel fanden seine Nachkommen seine Korrespondenz, die hauptsächlich in Kurrentschrift verfasst worden war. Heinz Bundschuh, der Großneffe von Adolf Kaipel, wertete die vielen Briefe aus und stellte mithilfe verschiedener anderer Quellen sie in einen historischen Kontext. Zuerst nur als Familienbuch gedacht, entstand Anfang der 2000er-Jahre die Idee, sie einem breiteren Publikum zugänglich zu machen, weil die darin beschriebene Entwicklung vermutlich exemplarisch für die Geschichte vieler, selbstverständlich natürlich nicht für aller, österreichischen Familien steht. Auch lässt seine facettenreiche Lebensgeschichte eine eindeutige Einordnung in ein klares Opfer-Täter-Schema vermutlich nicht so leicht zu.

So kam es in den 2000er-Jahren zu einer Erstveröffentlichung auf einer vom Großneffen Heinz Bundschuh gewarteten Webseite. 2014 portierte dieser schließlich den Webseiteninhalt auf Regiowiki.at, seither wurde der Artikel rund 90.000 mal aufgerufen (Stand Mitte 2018).

Der Nachlass von Adolf Kaipel enthielt auch zahlreiche Fotos, vor allem aus dem Frankreichfeldzug 1940, die aber aus urheberrechtlichen Gründen frühestens im Jahr 2040 auf Wikimedia Commons eingestellt werden können, um sie als freier Inhalt einem breiteren Publikum zur Verfügung stellen zu können.

Niederschlag in der Literatur

2015 veröffentlichte Thomas Grischany das Buch Der Ostmark treue Alpensöhne: Die Integration der Österreicher in die großdeutsche Wehrmacht, 1938-45 (Zeitgeschichte Im Kontext) in dem er sich bei der Darstellung des Integrationsprozesses österreichischer Soldaten in die deutsche Wehrmacht auf verschiedene Textpassagen in Adolf Kaipels Briefen bezieht.

Literatur

  • Friedrich Dettmer, Otto Jaus, Helmut Tolkmitt: Die 44. Infanterie-Division. Reichs-Grenadier-Division Hoch- und Deutschmeister 1938–1945, Verlag Austria Press, Wien 1969
  • Friedrich Dettmer, Otto Jaus, Helmut Tolkmitt: Die 44. Infanterie-Division 1938-1945: Reichs-Grenadier-Division Hoch- und Deutschmeister, Bildband, Dörfler Verlag GmbH, Eggolsheim 2004, ISBN 978-3895551772
  • Friedrich Dettmer: Stalingrad - Ein Rückblick nach 60 Jahren: 44. Infanterie Division "Hoch- und Deutschmeister", Truppenkameradschaft d. 44. Infanterie-Division 2003
  • Thomas Grischany: Der Ostmark treue Alpensöhne: Die Integration der Österreicher in die großdeutsche Wehrmacht, 1938-45 (Zeitgeschichte Im Kontext), Verlag V&R unipress, Göttingen 2015, ISBN 978-3847103776

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Nachlass Adolf Kaipel
  2. Navigationsseite Riedlingsdorf im 2. Weltkrieg
  3. Friedrich Dettmer, Otto Jaus, Helmut Tolkmitt: Die 44. Infanterie-Division. Reichs-Grenadier-Division Hoch- und Deutschmeister 1938–1945., Seite 18, Verlag Austria Press, Wien 1969
  4.  Ursula Mindler: "Ich hätte viel zu erzählen, aber dazu sage ich nichts..." - Oberwart 1938. edition lex liszt 12, Oberwart 2008, ISBN 9783901757792, S. 47.
  5. Friedrich Dettmer, Otto Jaus, Helmut Tolkmitt: Die 44. Infanterie-Division. Reichs-Grenadier-Division Hoch- und Deutschmeister 1938–1945., Seite 22 und 23, Verlag Austria Press, Wien 1969
  6. Friedrich Dettmer, Otto Jaus, Helmut Tolkmitt: Die 44. Infanterie-Division. Reichs-Grenadier-Division Hoch- und Deutschmeister 1938–1945., Seite 23, Verlag Austria Press, Wien 1969
  7. Friedrich Dettmer, Otto Jaus, Helmut Tolkmitt: Die 44. Infanterie-Division. Reichs-Grenadier-Division Hoch- und Deutschmeister 1938–1945., Seite 26, Verlag Austria Press, Wien 1969
  8. Friedrich Dettmer, Otto Jaus, Helmut Tolkmitt: Die 44. Infanterie-Division. Reichs-Grenadier-Division Hoch- und Deutschmeister 1938–1945., Seite 33, Verlag Austria Press, Wien 1969
  9. Friedrich Dettmer, Otto Jaus, Helmut Tolkmitt: Die 44. Infanterie-Division. Reichs-Grenadier-Division Hoch- und Deutschmeister 1938–1945., Seite 36 bis 40, Verlag Austria Press, Wien 1969
  10. Verlorene Jahre, Webseite abgerufen am 22. Oktober 2014
  11. Verlorene Jahre - Der Polenfeldzug, Webseite abgerufen am 22. Oktober 2014
  12. Friedrich Dettmer, Otto Jaus, Helmut Tolkmitt: Die 44. Infanterie-Division. Reichs-Grenadier-Division Hoch- und Deutschmeister 1938–1945., Seite 47, Verlag Austria Press, Wien 1969
  13. Jochen Böhler: Auftakt zum Vernichtungskrieg – Die Wehrmacht in Polen 1939, Seite 60f, Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 2006
  14. Jochen Böhler: Auftakt zum Vernichtungskrieg – Die Wehrmacht in Polen 1939, Seite 62, Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 2006
  15. Jochen Böhler: Auftakt zum Vernichtungskrieg – Die Wehrmacht in Polen 1939, Seite 54f, Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 2006
  16. Jochen Böhler: Auftakt zum Vernichtungskrieg – Die Wehrmacht in Polen 1939, Seite 77, Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 2006
  17. Friedrich Dettmer, Otto Jaus, Helmut Tolkmitt: Die 44. Infanterie-Division. Reichs-Grenadier-Division Hoch- und Deutschmeister 1938–1945., Seite 47 bis 50, Verlag Austria Press, Wien 1969
  18. Friedrich Dettmer, Otto Jaus, Helmut Tolkmitt: Die 44. Infanterie-Division. Reichs-Grenadier-Division Hoch- und Deutschmeister 1938–1945., Seite 51, Verlag Austria Press, Wien 1969
  19. Friedrich Dettmer, Otto Jaus, Helmut Tolkmitt: Die 44. Infanterie-Division. Reichs-Grenadier-Division Hoch- und Deutschmeister 1938–1945., Seite 51, Verlag Austria Press, Wien 1969
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